Ungezähmt

Auf Mustangs, auf Wildpferden, von Mexiko nach Kanada reiten, quer durch die USA. Wer sich heutzutage auf solch eine abenteuerliche Reise begibt, tut dies natürlich mit einem Filmteam im Gepäck, so auch vier junge Burschen aus Texas, deren mehr oder weniger beschwerlicher Ritt Regisseur Phillip Baribeau "Ungezähmt" zur Hommage an Cowboy-Ästhetik und Marlboro-Land macht.

Webseite: www.ungezaehmt-derfilm.de

OT: Unbranded
USA 2015 – Dokumentation
Regie: Phillip Baribeau
Länge: 105 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 11. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Eigentlich hat der nordamerikanische Kontinent unvorstellbare, fast menschenleere Weiten zu bieten. Dennoch wird der Platz für die so genannten Mustangs immer kleiner. Keine spezielle Pferdeart beschreibt dieser Begriff, sondern Wildpferde im Allgemeinen, vor allem in Abgrenzung zum domestizierten Hauspferd. Während letztere dem Menschen dienen, streifen erstere ungezähmt durch die weiten der Landschaft. Zumindest wenn man sie lässt. Dabei grasen sie riesige Flächen ab, was aus Sicht der Landwirtschaft genau das Problem ist: je mehr Wildpferde es gibt, desto weniger Weideland bleibt für das Nutzvieh übrig. Der amerikanische Staat hat deswegen riesige Reservate eingerichtet, in denen Wildpferde frei leben können. Doch durch Wachstum in der Population sind diese Reservate längst überfüllt, die Frage ist also, was mit den Wildpferden zu tun ist. Sie zu schlachten kommt nicht in Frage, Versuche, die Fortpflanzung zu kontrollieren, werden erst in vielen Jahren Wirkung zeigen. Bleibt die Adoption.

Und hier kommen vier junge Männer aus Texas ins Spiel, die gerade die Universität abgeschlossen haben und sich mit Anfang Zwanzig auf ein großes Abenteuer begeben: Mit einer Herde von adoptierten Mustangs wollen sie quer durch Amerika reiten, von der mexikanischen Grenze in Arizona, durch Utah, Idaho und Wyoming, bis zur kanadischen Grenze in Montana. Gut fünftausend Kilometer beträgt die Route, die in gut fünf Monaten bewältigt werden soll.

Ganz so abenteuerlich wie sich das anhört, war die Reise allerdings nicht: neben dem Filmteam waren Mobiltelefone, GPS-Geräte und andere technische Hilfsmittel ständige Wegbegleiter und auch für die Versorgung war über lange Strecken per Autokonvoi gesorgt. Dies war augenscheinlich auch nötig, denn auch wenn die vier jungen Männer aus Texas stammen und Zeit ihres Lebens auf Pferden gesessen hatten: Ein wenig fahrlässig wirkt es schon, wie unbeschwert sie sich auf eine Reise machten, die sie und vor allem ihre Pferde nicht nur über sanfte Hügel führte, sondern oft auch über steile Berge, durch reißende Flüsse, Schnee und Matsch.

Die Freundschaft des Quartetts wird dabei ein ums andere Mal auf die Probe gestellt, doch am Ende des Tages, bei einer Tasse Kaffee am Lagerfeuer sind alle Beschwernisse des Tages schnell vergessen. Zumal man durch atemberaubende Landschaften, den Grand Canyon und zahlreiche andere Nationalparks reitet, die Regisseur Phillip Baribeau in spektakulären Bilder einfängt. Unweigerlich fühlt man sich hier an die guten alten Marlboro-Werbungen erinnert, in denen Cowboys durch ähnliche, vielleicht auch die gleichen Landschaften ritten, die Zigarette immer lässig im Mundwinkel, den Blick auf den fernen Horizont gerichtet. Viel von dieser Cowboy-Romantik evoziert auch "Ungezähmt", der in eindrucksvollen Bildern eine abenteuerliche Reise beschreibt und ganz nebenbei auch noch manch interessante Information über die Situation der Wildpferde Nordamerikas vermittelt.
 
Michael Meyns