Uns geht es gut

Definitiv ein ungewöhnlicher deutscher Film ist Henri Steinmetz' "Uns geht es gut", der fünf junge Menschen beobachtet, die ziellos in den Tag hineinleben. Weder Zeit noch Ort des Films sind fixiert, was den Momentaufnahmen lange Zeit eine betörend unwirkliche Qualität verleiht.

Webseite: www.unsgehtesgut.x-verleih.de

Deutschland 2015
Regie: Henri Steinmetz
Buch: Alan Smithee
Darsteller: Franz Rogowski, Maresi Riegner, Jonas Dassler, Emanuel Schiller, Jordan Elliot Dwyer, Angela Winkler, Denis Moschitto
Länge: 93 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 28. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Oft und meist zurecht wird dem deutschen Kino vorgeworfen, nichts zu riskieren, sich in eingefahrenen Mustern zu bewegen und nur bekannte Geschichten zu variieren. Insofern ist Henri Steinmetz' Regiedebüt "Uns geht es gut" zumindest einmal ungewöhnlich, anders, gewagt und ambitioniert, Begriffe, die beim deutschen Kino nicht oft in den Sinn kommen. Und auch wenn Steinmetz den interessanten Ansatz nicht zu einem rundum gelungenen Film umsetzen kann, gebührt ihm und seinen Mitstreitern zunächst einmal Respekt.

Vom ersten Moment an entfaltet "Uns geht es gut" eine ganz eigene Atmosphäre. Das beginnt schon bei den an Bildungsromane erinnernden Titeln der einzelnen Kapitel, die in pragmatischen Worten exakt das beschreiben, was folgen wird: "Tubbie wird losgeschickt, liefert einen Koffer ab und macht eine Beobachtung" heißt es da etwa und genau das passiert dann auch. Tubbie (Franz Rogowski) ist Anführer eines Quintetts, das neben ihm aus Tim (Jonas Dassler), Jojo (Emanuel Schiller) Birdie (Jordan Elliot Dwyer) und Marie (Maresi Riegner), dem einzigen Mädchen der Gruppe besteht. Gemeinsam leben sie in den Tag hinein,  gehen durch den Wald, dringen in verlassene Häuser ein, provozieren Bedienungen in Cafés, erledigen kleine Botendienste für unbestimmte Personen und suchen möglicherweise nach mehr. Was das sein könnte wird nicht benannt, was dem Film in seiner Unbestimmtheit lange Zeit eine eigentümliche Faszination verleiht.

Nichts wird definiert, nichts auf den Punkt gebracht, weder Zeit noch Ort der Geschichte. Die Schauplätze der Handlung sind oft verfallene Gebäude, mal mondäne Villen, sind aber ebenso vage gehalten wie das Kostüm: Manche der Clique tragen typisch moderne Hipster-Kleidung, andere wirken in ihren kurzen Hosen wie aus den 20er Jahren gefallen. Die unbestimmten Machtspiele, die unterschwellige (Homo)-Erotik erinnern bisweilen an einen ebenso flirrenden Film wie "Was nützt die Liebe in Gedanken", dann wieder an eine sich selbst genügende Clique wie die Droogs in "Uhrwerk Orange".

Die Lust an der Unbestimmtheit beschwört Steinmetz, kein Wunder, dass der Film ursprünglich "Limbo" heißen sollte, womit der Zwischenzustand noch besser auf den Punkt gebracht worden wäre. Vielleicht war dies die ursprüngliche Intention des Drehbuchs von Andreas Sinakowski, doch der hat seinen Namen zurückgezogen und wurde im Abspann mit dem Pseudonym Alan Smithee ersetzt. Ein gerade im deutschen Kino ungewöhnlicher Vorgang, denn Alan Smithee ist ein Pseudonym, das in Amerika von Regisseuren verwendet wird, die sich vom fertigen Film distanzieren wollen, wenn dieser vom Produzenten zu sehr verändert wurde und nicht mehr ihren ursprünglichen Intentionen folgt. Was genau bei "Uns geht es gut" hinter den Kulissen vorgefallen ist, kann man nur ahnen, aber doch einen Streit über die Entwicklung der Geschichte bzw. das Fehlen einer solchen vermuten. So aufregend es über lange Zeit auch ist, dem bloßen Sein der Figuren zuzuschauen, irgendwann beginnt sich das Fehlen einer wie auch immer aussehenden Entwicklung bemerkbar zu machen. Als reine Zustandsbeschreibung junger Menschen, die ohne Ziel durch die Oberflächlichkeit der Welt geistern, ist "Uns geht es gut" ein ambitioniertes Projekt, das noch gelungener wäre, wenn es nicht so unbestimmt dahinplätschern würde. Wobei man andererseits genau dieses unfertige, ziellose auch wieder als konsequentes Durchexerzieren des Ansatzes betrachten könnte. So oder so ist Henri Steinmetz einer der interessantesten deutschen Filme jüngerer Zeit gelungen.
 
Michael Meyns