Unsane – Ausgeliefert

Eigentlich wollte Steven Soderbergh ja keine Filme mehr drehen, aber schon der letztjährige “Logan Lucky” zeigte, dass der amerikanische Regisseur der Lust nicht widerstehen kann, Neues auszuprobieren, sei es inhaltlicher oder stilistischer Natur. Ähnliches dürfte ihn auch an „Unsane“ gereizt haben, ein rohes, teils brutales B-Picture mit manchen Subtexten, dass Soderbergh mittels eines iPhones drehte.

Webseite: unsane-derfilm.de

USA 2018
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Jay Pharoah, Juno Temple, Aimee Mullins, Amy Irving, Sarah Stiles
Länge: 100 Minuten
Verleih: FOX
Kinostart: 28. März 2018

FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick scheint alles gut zu laufen im Leben von Sawyer Valentini (Claire Foy), die seit einigen Monaten einen neuen Job als Datenanalysten hat. Doch schon ein kurzes Telefonat mit ihrer Mutter deutet Abgründe an, die sich spätestens dann verhärten, als sie einen One-Night-Stand abrupt beendet und sich auf die Toilette flüchtet. Nicht weil der Mann sie belästigt hat, sondern weil sie die bloße Berührung eines männlichen Wesens an den Stalker erinnerte, vor dem sie nach Monaten der Belästigung geflohen ist.

So irritiert hat Sawyer diese kurze Episode, dass sie das Gespräch mit einer Therapeutin in einer psychiatrischen Klinik sucht. Eigentlich wollte sie nur, dass ihr jemand zuhört, doch eine unbedachte Unterschrift später, findet sich Sawyer in Anstaltskleidung und mit „richtigen“ Psychopathen in einem Schlafsaal wieder.

Doch das ist erst der Beginn einer zunehmend bedrohlicheren Situation, denn einer der Pfleger scheint ihr Stalker George (Joshua Leonard) zu sein. Was ihr jedoch niemand glaubt und stattdessen als Beweis gesehen wird, dass Sawyer wirklich psychische Probleme hat und eingesperrt gehört. Allein ihre Mutter (Amy Irving) glaubt ihrer Tochter, doch ihre Hilfsversuche scheitern auf dramatische Weise.

Immer wieder hat sich Steven Soderbergh im Lauf seiner Karriere auf Genre-Gefilde begeben, hat Krimis, Thriller und Psychodramen gedreht, doch so sehr in B-Picture Gefilde wie mit “Unsane” hat er sich noch nie gewagt. Eine ganze Weile hält er die Frage offen, ob Sawyer tatsächlich verfolgt wird und mit ihrem Stalker nun sogar in einer Klinik eingesperrt ist oder ob sie nicht doch psychisch instabil ist und ihre Probleme nur imaginiert.

Nachdem diese Frage schließlich gelöst ist, beschränkt sich Soderbergh zunehmend darauf, die Muster des Genres durchzuspielen, seine Hauptfigur in einen immer radikaleren, auch brutalen Strudel zu stürzen, bei dem er die reduzierten Möglichkeiten der iPhone-Kamera auf erstaunliche Weise ausreizt.

Im Gegensatz etwa zu „The Florida Project“-Regisseur Sean Baker, der durch seinen iPhone-Film „Tangerine“ bekannt wurde und dabei erstaunlich filmähnliche Bilder erzeugte, stellt Soderbergh die Nachteile der Handy-Kamera offensiv aus. Flache Schärfe bestimmt seine Bilder, schlecht beleuchtete Einstellungen, die die klaustrophobische Atmosphäre der Klinik betonen und später gar wirken wie die unzähligen Thriller und Horrorfilme, die sich einer betonten Found-Footage-Ästhetik bedienen.

Stilistisch so brillant wie frühere Filme ist „Unsane“ durch diese Technik zwangsläufig nicht mehr, doch wenn man mag, finden sich unzählige Bezüge zu Soderberghs Ouvre: Von den Machenschaften der Pharmaindustrie ist da die Rede wie in „Side Effects“ oder „Erin Brockovich“, eine starke Frau, die sich gegen eine von Männern dominierte Welt stellt, ist für Soderbergh nichts neues, ebenso wenig wie die unterschwellige Darstellung von beiläufigem Sexismus, dem hier auch Sawyer ausgesetzt ist, was „Unsane“ in Zeiten der #metoo-Kampagne zu einem ausgesprochen zeitgemäßen Film macht. Ein wenig stehen all diese inhaltlichen und stilistischen Einzelteile zwar nebeneinander und formen nicht wirklich mehr als die Teile, ein bemerkenswerter Film ist Soderbergh jedoch auch hier gelungen.

Michael Meyns