Unser Team – Nossa Chape

Es war der 28. November 2016, als ein Flugzeug der Linie LaMia kurz vor dem kolumbianischen Medellin abstürzte. An Bord befand sich die Mannschaft des Fußballclubs Chapecoense – der Großteil der Spieler, des Trainerstabs und der Funktionäre. Sie alle waren auf dem Weg zum Finalspiel gegen Atlético Nacional. Es ging um nicht weniger als den Sieg der Copa Sudamericana. Am Ende überlebte nur eine Handvoll Männer den verheerenden Absturz. „Nossa Chape“ ist eine Dokumentation voller Emotionen, die nicht kühl und reserviert erzählt, sondern den Zuschauer teilhaben lässt. Dieser Film hat seine inspirierenden Momente, wenn man sieht, wie sich die Überlebenden ins Leben zurückkämpfen und trotz schwerer Behinderungen Teil der Chapecoense-Familie bleiben.

Webseite: www.weltkino.de

Dokumentation
Brasilien/USA 2018
Regie: Jeff Zimbalist, Michael Zimbalist
Länge: 101 Min.
Verleih: Weltkino
Kinostart: 28. März 2019

FILMKRITIK:

Chapecoense ist kein Club wie jeder andere. Er ist tief mit der 200.000 Einwohner umfassenden Stadt Chapecó verwurzelt, die weit weg von den großen Städten Brasiliens liegt. Als das Unglück passierte, trauerte nicht nur eine Stadt um die Mannschaft, die auf dem Weg zu ihrem größten Triumph war. Das ganze Land war wie gelähmt – und überall auf der Welt gedachte man den Spielern.
 
Fast die gesamte Mannschaft wurde ausgelöscht, doch das Spiel musste weitergehen. Chapecoense hatte es geschafft, in die erste Liga Brasiliens aufzusteigen. Doch nun blieben weniger als zwei Monate, um ein ganz neues Team zu formieren. Das war und ist eine immense Herausforderung, die es so im Profisport noch nie gegeben hat, der sich der Club aber stellte. Es ist eine bewegende, aber auch inspirierende Geschichte, die hier geboten wird. Eine, die von den amerikanischen Filmemachern Jeff und Michael Zimbalist erzählt wird und sich längst nicht nur mit dem Wiederaufbau eines Fußballvereins befasst.
 
Denn die beiden Autoren sind am Gesamtbild interessiert. Sie zeigen die Nachwirkungen dieses Unglücks. Wie die Witwen und Waisen damit fertig werden, wie der Club versucht, sich neu zu erfinden und dabei beinahe seine Seele verliert, wie die überlebenden Spieler versuchen, wieder in der Normalität Fuß zu fassen. Fast wäre es eine Geschichte nur der Höhen, aber nicht der Tiefen, doch die Zimbalists legen die Finger auch auf die Wunden. Zeigen, wie der bürokratische Motor eines Fußballclubs anläuft, und wie um Geld gefeilscht wird. Weil der Verlust einer Mannschaft eben etwas anderes ist als der Verlust eines Ehemanns, eines Vaters oder eines Sohnes.
 
„Unser Team – Nossa Chape“ ist voller Emotion. Eine Dokumentation, die nicht kühl und reserviert erzählt, sondern den Zuschauer teilhaben lässt. Dieser Film hat seine inspirierenden Momente, wenn man sieht, wie sich die Überlebenden ins Leben zurückkämpfen und trotz schwerer Behinderungen Teil der Chapecoense-Familie bleiben.
 
Weil es im Kern bei diesem Außenseiterverein um etwas anderes als Ruhm und Geld geht. Das Team von 2016 war eines, das Seele hatte, das sich als Familie verstand, das zusammen feierte und lachte, das Team von 2017 ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen, dem diese Identität fehlt, was nicht zuletzt am einzig auf den Sieg ausgerichteten Stil des neuen Trainers liegt. Man könnte sagen: Die Normalität hielt bei Chape, wie Fans den Verein nennen, Einzug.
 
Dem stellten sich vor allem jene Spieler entgegen, die schon früher dabei waren, aber nicht mit nach Kolumbien geflogen sind. Letztlich waren sie es, die eine Wiedergeburt forcierten – weg vom knallharten, seelenlosen Fußballgeschäft, zurück zu einer Atmosphäre, die vor allem von einem getragen wird: Dem Gefühl, dass man zusammenhalten muss, wenn das Leben besonders schwer ist. Und der Erkenntnis, dass es mehr als Arbeit und Fußball im Leben gibt. Wie der überlebende Spieler Neto es so schön auf den Punkt bringt: „Wahres Glück sind andere Menschen und die kleinen, wichtigen Momente, die man mit ihnen erlebt.“
 
Peter Osteried