Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe

Ein italienischer Kinder-Weihnachtsfilm erreicht mit einem Jahr Verspätung auch die deutschen Kinosäle. Und er irritiert, denn UNSERE LEHRERIN, DIE WEIHNACHTSHEXE ist weder ein Film für Kinder noch einer, der wohliges Weihnachtsfeeling versprüht.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

OT: La Befana vien di notte
IT/ESP 2018
Regie: Michele Soavi
Darsteller: Paola Cortellesi, Stefano Fresi, Fausto Maria Sciarappa, Giovanni Calcagno, Giuseppe Lo Piccolo, Luca Avagliano
Verleih: Little Dream Entertainment / 24 Bilder
Länge: 98 Min.
Start: 7. November 2019

FILMKRITIK:

Paola (Paola Cortellesi) hat ein Geheimnis: Tagsüber arbeitet die beliebte Lehrerin an der örtlichen Schule, hat einen lieben Freund und steht kurz vor der Verlobung. Doch des Nachts verwandelt sie sich in die schrullige Weihnachtshexe Befana und ist mit ihrer langen Nase und den Warzen im Gesicht kaum mehr wieder zu erkennen. Trotzdem liebt sie ihre Berufung. Ihre Kinder, denen sie zu Weihnachten die Geschenke bringt, sind ihr heilig. Doch vor vielen, vielen Jahren ist einer ihrer Einsätze schiefgegangen. Und ausgerechnet jetzt folgt die Rache des kleinen Jungen, der damals von ihr „vergessen“ wurde. Aus dem ist mittlerweile der erfolgreiche Spielzeughersteller Mr. Johnny (Stefano Fresi) geworden, der Befana erst wieder rausrückt, wenn die ihm verraten hat, wo sie die vielen Briefe der Kinder aufbewahrt. Apropos Kinder: Als eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern das Verschwinden ihrer Lehrerin bemerkt, begibt sie sich auf eigene Faust auf die Suche nach ihr, um nicht nur Paola zu retten, sondern auch das Weihnachtsfest der Kinder…
 
Am Ende eines jeden Weihnachtsfilmes ist die Welt (wieder) in Ordnung, das Böse besiegt und der Weihnachtszauber findet zu seiner vollen Entfaltung. Das macht das Genre des Weihnachtsfilms auch zu so einem spannenden, denn wenn die Zutaten für all diese Filme so ähnlich sind, ist die Herausforderung umso größer, aus ihnen einfach mal etwas völlig Neues zu kreieren. In gewisser Weise ist das dem italienischen Regisseur Michele Soavi („Dellamorte Dellamore“) gelungen und zumindest dafür wollen wir ihm an dieser Stelle unseren Tribut zollen. Sein Weihnachtsabenteuer „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe“ ist kein weiteres weichgespültes Märchen, sondern eine ganz schön fiese Erzählung, die mit Gewalt nicht geizt und in ihren härtesten Momenten viel zu finster und pessimistisch ist, um als „Kinderfilm“ durchzugehen. Da Soavi letztlich aber doch einen solchen erzählen will – wir erleben die Geschichte aus Kinderaugen und die Botschaft über freundschaftlichen Zusammenhalt wird mehrmals gebetsmühlenartig wiederholt, damit sie auch wirklich jeder begreift – fällt „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe“ zwischen die Stühle und irritiert mehr als zu unterhalten.
 
In einer besonders bösen Szene sehen wir den Schurken Mr. Johnny, wie er der entführten Paola in Nahaufnahme eine Spritze in die Nase rammt. Sie soll ein Wahrheitsserum beinhalten, weshalb die Weihnachtshexe gleich munter drauf los plappern und ihren Entführern den Standort der Briefe verraten soll. Umschnitt. Kurz nach der Injektion bricht Paola schlafend zusammen, die Kidnapper freuen sich und verschwinden. Diese kurze Szene beschreibt perfekt die beiden großen Schwachpunkte, unter denen „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe“ zu leiden hat und durch die der Film selbst in den stärksten Momenten nie über ein Mittelmaß hinauskommt. Da ist zum einen ebenjene Gewalt. Egal ob es nun Spritzen sind, die Kinder nur ganz knapp einer Schrottpresse entkommen oder brachial auf die Bösewichte eingeprügelt wird: Michele Soavi macht in seinem Film keine halben Sachen. Vielleicht auch deshalb, weil er es durch seine bisherigen Werke wie „Dellamorte Dellamore“, „Aquarius“ oder „Arrividerci amore, ciao“ nicht anders gewohnt ist. Der Mann kommt aus dem Genre- und Horrorbereich. Diese Wurzeln sind auch „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe“ anzumerken.
 
Mindestens genauso störend wirken die vielen Anschlussfehler, Logiklöcher und erzählerischen Inkohärenzen. Mal ist es einfach nur überdeutlich zu sehen, dass hier Szenen aneinandergereiht wurden, die niemals direkt hintereinander gedreht wurden. Ein anderes Mal wechseln Figuren oder Dinge im Film kommentarlos ihre Gesinnung oder Wirksamkeit (siehe: das Wahrheitsserum, aus dem von jetzt auf gleich ein Schlafmittel wird). Hinzu kommt eine Soundabmischung, die mal viel zu laut, mal viel zu leise, aber nie so ist, dass aus dem Filmeschauen ein Genuss wird. Nun sind kleine technische Ungenauigkeiten ja erst recht dann zu verschmerzen, wenn sich ein Film eher an ein junges Publikum richtet. Doch im Falle von „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe“ sind wir uns ja nicht einmal sicher, wer genau sich den Film anschauen soll. Die technischen Defizite sind zudem so groß, dass schon Kinder sie bemerken dürften. Weihnachtsstimmung kommt da keine auf.
 
Dabei spielen die Darsteller – insbesondere der Schauspielnachwuchs – allesamt ordentlich auf. Gegen so merkwürdige Skriptinhalte wie Beziehungsstress und Zungenkussübungen (die Kinder wirken augenscheinlich gerade mal wie Grundschüler!!) können sie nichts. Stattdessen performen die Newcomer allesamt souverän und profitieren in der deutschen Fassung zudem von einer starken Synchro. Geworben wird hier allen voran mit der Nachrichtensprecherin Judith Rakers, die in die Rolle der Weihnachtshexe selbst schlüpft. Dass die Dame aus dem synchronfremden Fach kommt, ist ihrer Darstellung nicht anzumerken. Als Paola und Befana erweist sie sich als absolut richtige Wahl. Schade – Rakers hätte für so ein tolles Synchrondebüt einen besseren Film verdient gehabt.
 
Hier passt nichts zusammen: Der Kinder-Weihnachtsfilm „Meine Lehrerin, die Weihnachtshexe“ ist zu gruselig und gewalttätig für Kinder und versprüht für einen Weihnachtsfilm viel zu wenig Harmonie. Immerhin die Darsteller, allen voran Judith Rakers als Synchronsprecherin, können in der (deutschen) Fassung überzeugen.
 
Antje Wessels