Unsere Ozeane

Mit ihrem Erfolgsfilm „Nomaden der Lüfte“ trugen Jacques Perrin und Jacques Cluzaud entscheidend zum Boom der Naturdokumentationen bei, der momentan fast monatlich einen neuen Film in die Kinos schwemmt. Mit „Unsere Ozeane“ versuchen sie die Messlatte erneut höher zu legen, doch im Wettrennen um neue, spektakuläre Bilder sind sie nicht mehr allein. Ein zwar eindrucksvoller, aber doch etwas austauschbarer Film.

Webseite: www.unsere-ozeane.de

Frankreich 2009, 90 Minuten
Regie: Jacques Perrin, Jacques Cluzaud
Drehbuch: Jacques Perrin, Jacques Cluzaud, Laurent Debas, Laurent Gaude
Kamera: Luc Drion, Luciano Tovoli, Philippe Ros, u.v.a.
Dokumentation
Verleih: Universum Film
Kinostart: 25. Februar 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ob wohl bald der WWF eingreifen wird und Naturdokumentarfilmer darum bitten wird, die Tiere doch mal in Ruhe zu lassen? Besonders wenn seltene, vom Aussterben bedrohte Arten Thema sind, hat man angesichts der Flut von Dokumentationen im Fernsehen und im Kino das Gefühl, als gäben sich die Filmteams die Klinke in die Hand. Die zunehmende Technologisierung des Genres führt zudem dazu, dass sich Regisseure mit Höchstleistungen zu überbieten versuchen; das Publikum will eben immer mehr, immer spektakuläreres sehen.

Als 2001 „Nomaden der Lüfte“ – die erste Zusammenarbeit zwischen dem vor allem als Schauspieler bekanntem Jacques Perrin und Jacques Cluzaud – in die Kinos kam, wirkten die mit Leichtflugzeugen aufgenommenen Bilder von Vogelschwärmen noch revolutionär. Sie boten völlig neue Einblicke in das Leben der Zugvögel, als Zuschauer machte man ihren Flug rund um die Welt praktisch aus erster Hand mit.

Nun haben sich die beiden Regisseure ein ungleich größeres Thema vorgenommen: Die Ozeane. Bekanntermaßen sind rund 70% der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt, sind die tiefsten Meeresgräben höher als der Mount Everest, die im Wasser lebende Tier- und Pflanzenwelt erst in Ansätzen erforscht. Das in einen 90minütigen Film zu pressen ist ein Ding der Unmöglichkeit und so versuchen es die Regisseure es auch gar nicht erst. Sie wählen einen impressionistischen Ansatz, der die an über 50 Schauplätzen aufgenommenen Bilder lose aneinanderreiht und mit sporadisch eingestreuten, poetisch angehauchten Kommentaren verbindet. Einerseits ist das eine gute Entscheidung. Gerade im Vergleich zu vielen anderen Naturfilmen, die versuchen die Komplexität der Natur in ein narratives Korsett zu pressen, hebt sich „Unsere Ozeane“ erfreulich ab. Hier werden nicht angeblich menschenähnliche Regungen betont, wird nicht so getan, als würden Tiere überlegt handeln und reflektierte Ziele verfolgen. Auch der weitestgehende Verzicht auf eine bombastische Orchestrierung fällt überaus positiv auf. Zumal er ermöglicht, zu hören. Immer wieder bleibt der Film ganz ruhig, erlaubt er es den bizarren Unterwasserwesen zuzuhören. Und da schmatzt und kratzt und röchelt es auf so vielfältige Weise, wie man das noch nie zu Ohren bekommen hat.

Der Nachteil der gewählten Struktur ist allerdings, dass gerade angesichts des kaum zu erfassenden Themas, keine wirkliche Linie entsteht. Gelegentlich wird ein nachdenklicher Kommentar über die zunehmende Zerstörung der Umwelt eingestreut, mal eine Frage aufgeworfen, doch die einzelnen Momente in eine Erzählung zu fügen, gelingt „Unsere Ozeane“ nicht recht. So erfreut man sich an den bisweilen atemberaubenden Bildern, die allerdings angesichts solcher Megaproduktionen wie der BBC-Serie „Planet Earth“ auch nicht mehr außerordentlich bemerkenswert erscheinen. Eindrucksvoll ist das Ganze zwar schon, wie sehr, das hängt ganz erheblich davon ab, wie viele andere Naturdokumentationen der letzten Jahre man schon gesehen hat.

Michael Meyns

Der Franzose Jacques Perrin war früher als Schauspieler bekannt. Später wechselte er ins Produzentenlager über und ließ vor allem höchst beachtenswerte Dokumentarfilme herstellen. „Unsere Ozeane“ ist der neueste.

Naturfilme gibt es im Fernsehen zuhauf, und doch ist dieser Perrin-Film etwas Besonderes. An den Küsten und in den Meeren aller fünf Erdteile kamen in nahezu vierjähriger Arbeit außergewöhnliche Aufnahmen zustande – wuchtig, nah am Tier, geheimnisvoll.

Es werden immer neue Tierarten mit noch bizarreren Formen entdeckt; diese Forschungen werden sich noch lange hinziehen.

Fische, Robben, Schildkröten, Krabben, Korallen, Kreaturen halb Tier, halb Pflanze, halb Stein, halb sonstnochwas – der Reichtum scheint unerschöpflich.

Die Stärke dieses Films: Die Taucher gingen tiefer als gewöhnlich und blieben den Tieren ständig an den Fersen.

Die Schwäche dieses Films: keine Tiernamen, keine Ortsangaben, keine Zahlen. Vieles wird erst im Filmabspann mitgeteilt, ein klarer Nachteil. Man wäre während des Filmablaufs gerne besser informiert und orientiert.

Da nützt auch der poetische (französische) Originalkommentar wenig.

Die Zerstörung der Natur durch den Menschen wird nicht ausgespart. Jahrmillionen oder –milliarden baute sich die wunderbare Natur auf. In wenigen Jahrzehnten schlug der Mensch viel kaputt. Man sieht es in Perrins Film an verdreckter Wasserbrühe sowie an vielen ausgestorbenen Tier- und Fischarten.

Das ist ein Verdienst von „Unsere Ozeane“: dass der Film die Menschen ernsthaft mahnt, von der Zerstörung der Natur endlich abzulassen.

Insgesamt ein sehenswerter Dokumentarfilm über die Meere der Welt und das Leben in ihnen.

Thomas Engel