Unter Kontrolle

15 Jahre nach ihrem Regiedebüt „Boxing Helena“ legt Jennifer Lynch, Tochter von David, nun einen zweiten Film vor, der nicht verhehlen kann aus welcher Familie sie stammt. „Unter Kontrolle“ will ein psychologischer Thriller über zwei FBI-Agenten sein, die einem Serienkiller auf der Spur sind. Über weite Strecken gelingt Lynch auch ein akzeptabler Genrefilm, dessen Handlung im letzten Akt allerdings derart absurde Volten schlägt, dass die folgenden Gewaltexzesse umso plakativer wirken.

Webseite: www.unterkontrolle-der-film.de

OT: Surveillance
USA 2008
Regie: Jennifer Lynch
Buch: Jennifer Lynch, Kent Harper
Darsteller: Julia Ormond, Bill Pullman, Pell James, Ryan Simpkins, French Stewart, Kent Harper, Caroline Aaron
97 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 17. Juli 2008 – verlegt auf 31.7.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Von Beginn an fühlt man sich in Lynch-Territorium. Allerdings nicht David, sondern seine Tochter Jennifer, die 15 Jahre nach ihrem damals vollständig verrissenen Regiedebüt „Boxing Helena“ einen zweiten Film vorlegt. Und das sie aus einer Familie stammt, deren Phantasie des Öfteren in, nun ja, ungewöhnliche Richtungen strebt kann sie nicht verhehlen. Gleich zu Beginn kommen zwei FBI-Agenten in ein Kaff, um im Fall eines Serienkiller-Duos zu ermitteln. Gespielt werden diese beiden von Julia Ormond und Bill Pullman, die schon so oft durchgedrehte Charaktere gespielt haben, dass eigentlich schon nach wenigen Minuten absehbar ist, worauf der Film hinausläuft.

Zuvor jedoch verhören die beiden Agenten die Zeugen eines Autounfalls /Massaker, das sich kurz zuvor auf einem menschenleeren Highway abgespielt hat. Da wäre zum einen der schießwütige Polizist Jack, dessen Partner Jim eines der Opfer war. Dann die Drogensüchtige Bobbi, die ihren Freund Johnny verloren hat und schließlich das kleine Mädchen Stephanie, deren Familie unter den Opfern war. Unterstützt werden die Agenten dabei von einigen trotteligen Dorf-Polizisten, bei denen die Anklänge an Papas berühmte Fernsehserie „Twin Peaks“ überdeutlich werden. Dass ist dann eben der Nachteil eines großen Namens, der stets Vergleiche heraufbeschwört, die meist nicht positiv ausfallen. 

Denn was David Lynch im Laufe seiner Karriere an faszinierenden, komplexen Psychopathen auf die Leinwand gebracht hat, dürfte so schnell nicht überboten werden, und gewiss nicht von seiner Tochter. Die bemüht dann bald auch einen anderen großen Regisseur: Akira Kurosawa und sein berühmter „Rashomon.“ Hier wie dort werden verschiedene Charaktere über eine Tat verhört, geht es um die Flüchtigkeit der Wahrheit. Doch während Kurosawa am Ende die Frage offen lässt, was genau passiert ist, ist bei Lynch die fragmentierte Struktur reine Fassade. Die drei Versionen widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich ganz einfach zu einem Bild der Tat. Was nicht weiter tragisch wäre, wenn Jennifer Lynch am Ende nicht noch ein Kaninchen aus dem Hut zaubern würde, das nie eine Überraschung war. 

Schon „Boxing Helena“ – eine Geschichte über eine obsessive Liebe die so weit führt, das der Mann das Objekt seiner Begierde verstümmelt, um sie bei sich zu behalten – endete mit der denkbar banalen „es war alles nur ein Traum“-Lösung. Seitdem ist Jennifer Lynch zwar eine stilistisch deutlich bessere Regisseurin geworden, doch als Autorin greift sie erneut zu überaus plakativen Twists. Das ist umso bedauerlicher, als „Unter Kontrolle“ bis dahin durchaus sehenswert war, mit absurd-komischen Szenen und interessanten Bildeinfällen aufwarten konnte. Doch im Schlussakt greift Lynch zu extremen Bildern, wie man sie in den letzten Jahren in erster Linie im so genannten „Torture-Porn“ Horror-Genre fand. Motiviert sind diese Gewaltexzesse durch das zuvor gesehene in keiner Weise und wirken dementsprechend plakativ. Was als ansprechender Thriller begann, endet als ärgerlicher Exploitation-Film.

 

Michael Meyns

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Jennifer Lynch ist die Tochter von David Lynch, das lässt bei aller Individualität doch schon etwas Besonderes erwarten. Und es ist denn auch ein Splatter-Movie herausgekommen, das in Sachen Handlungserfindung, Verwebung dreier Sichtweisen ein und derselben Geschichte, Unvorhersehbarkeit, Niedertracht einiger Beteiligter, Brutalität, ja sogar Komik, aber auch Montage und Spannung mit Sicherheit aus dem gewöhnlichen Rahmen fällt.

An einer öden, wüstenartigen Highway-Strecke tun die Cops Jack Bennet (Drehbuch-Mitautor Kent Harper) und Jim Conrad (French Stewart) Dienst. Sie würden beruflich gerne höher steigen, scheinen sich z. Zt. aber eher zu langweilen. Also machen sie Jagd auf – vermeintliche – Temposünder. Wie sie dabei vorgehen, ist reiner Sadismus.

Auf der Strecke fahren Bobbi (Pell James) und Johnny (Mac Miller), die vom Koksen nicht genug kriegen. Dort unterwegs ist auch die kleine Stephanie (Ryan Simpkins) mit Familie: Stiefvater (Hugh Dillon), Mutter (Cheri Oteri) und Bruder (Kent Wolkowski). Plötzlich tauchen Mörder auf. Johnny, Stephanies Eltern und Bruder und auch einer der beiden Polizisten kommen ums Leben. Übrig bleiben Bobbi, ein Cop sowie die kleine Stephanie.

Im Büro des örtlichen Polizeichefs Captain Billings (Michael Ironside) ermitteln die FBI-Agenten Elizabeth Anderson (Julia Ormond) und Sam Hallaway (Bill Pullman). Bobbi, Stephanie und der überlebende Polizist werden verhört. Jeder erzählt von der Mordserie seine Version.

Was geschah wirklich? Wer sagt die Wahrheit? Wer erzählt Lügen? Und welche Rolle spielen Elizabeth Anderson und Sam Hallaway wirklich?

Verraten werden soll das nicht. Nur so viel: Action, Spannung, Mysterium, Grausamkeit, Perversion, jedoch auch improvisierte Dramaturgie und darstellerisches Können, alles ist reichlich vorhanden.

Für Splatter-Freaks und Lynch-Fans von Interesse.

Thomas Engel