Unter Menschen

Was macht man mit Schimpansen, die als Versuchstiere nicht mehr benötigt werden? Dies ist nur eine der ethisch-moralischen Fragen, die Christian Rost und Claus Striegel in ihrer Dokumentation „Unter Menschen“ nachgehen. In einem Safari-Park außerhalb von Wien beobachten sie die Resozialisierung von Schimpansen, die lange Jahre der AIDS-Forschung dienten und entwickeln daraus einen Film über das Zusammenleben von Mensch und Tier.

Webseite: www.unter-menschen.de

Deutschland/ Österreich 2013 – Dokumentation
Regie, Buch: Christian Rost & Claus Striegel
Länge: 90 Minuten
Verleih: missingFilms
Kinostart: 21. März 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Als Anfang der 80er Jahre das HI-Virus entdeckt wurde, war die Forschung überzeugt, schnell ein Gegenmittel zu entdecken. Vor allem Versuche an Schimpansen, die den Menschen so ähnlich sind wie kein anderes Tier, versprachen Erfolge. Dass zu diesem Zweck die Forschung an den Tieren, die schon seit Jahren auf der Liste der bedrohten Arten standen, erlaubt wurde, kann man angesichts der Schwere der AIDS-Epedemie also durchaus vertreten. Auf welche Weise Pharmakonzerne an Versuchstiere kamen und vor allem unter welchen Bedingungen diese gehalten wurden, schon deutlich weniger.

Nicht zuletzt um diese Fragen geht es in „Unter Menschen“, in dem sich die Regisseure Christian Rost und Claus Striegel mit den zeitgenössischen Konsequenzen dieser Forschung beschäftigen. In Gänserdorf, einer kleinen Gemeinde außerhalb von Wien, in einem still gelegten Safari-Park, fristen die letzten überlebenden Schimpansen, die einst als Forschungsobjekte dienten, ein inzwischen nicht mehr ganz so tristes Dasein. Und mit ihnen Wärterinnen, die Anfang der 90er Jahre begannen, für den österreichischen Pharmakonzern Immuno zu arbeiten. Dieser hatte Anfang der 80er Jahre begonnen, an einem AIDS-Mitttel zu forschen und sich zu diesem Zweck auf dubiosen Wegen Schimpansen beschafft.

Immer wieder werden Interviews mit Zeitzeugen eingefügt, die die Hintergründe verdeutlichen: Ein ehemaliger Anwalt von Immuno verteidigt die gefängnisartige Tierhaltung, die berühmte Zoologin Jane Goodall beschreibt, wie sie Mitte der 80er Jahre die Labore des Konzerns besuchen konnte und am eigenen Leib erlebte, in welch beengten Käfigen die Schimpansen gehalten wurden. Zusätzlich kommen Artenschützer aus Sierra Leone und Österreich zu Wort, die von den korrupten Methoden berichten, mit denen die Tiere gefangen und geradezu verschleppt wurden.

Es ist kein Zufall, dass im Laufe von „Unter Menschen“ immer wieder Begriffe verwendet werden, die man auch auf Menschen anwenden kann: Resozialisierung, Verschleppung, Eingliederung. Wobei eher Ausgliederung das treffende Wort wäre, denn seit dem Immuno aufgekauft und die Forschung an Schimpansen beendet wurde, bemühen sich die Wärterinnen, die Tiere auf die Freiheit vorzubereiten. Beziehungsweise zumindest ein Stück Freiheit, denn ganz in die Natur können die teilweise in Gefangenschaft geborenen Schimpansen nicht wieder zurück. Mit welchem Aufwand für gerade einmal 20 Schimpansen ein Gehege gebaut wird, in dem die Tiere zumindest einen Hauch Freiheit erfahren können, sagt einiges über das inzwischen gewachsene Bewusstsein aus. Und vielleicht auch über das Schuldbewusstsein der beteiligten Personen, die zwar zumindest im Ansatz nicht unbedingt etwas Schlechtes wollten, die aber vor der zutiefst ambivalenten Entscheidung standen, menschähnliche Tiere zu Experimenten zu benutzen, die Menschen helfen sollten. Die ganze Vielschichtigkeit dieser ethisch-moralischen Fragen kann in „Unter Menschen“ zwar nur angerissen werden, doch Christian Rosts und Claus Striegels Film ist ein interessanter Diskussionsansatz.

Michael Meyns