Unterwegs in der Musik

Barbara Heller komponiert zeitgenössische Musik, so genannte „Neue Musik“. Sie unterrichtet und gibt Workshops, ist unermüdlich tätig und feiert demnächst ihren 80. Geburtstag.
Auch deshalb hat Lilo Mangelsdorff über diese lebenskluge Frau einen Film gedreht, der zwar deutlich braver daherkommt als seine originelle Protagonistin, aber für ein interessiertes Spartenpublikum einiges bietet. Barbara Hellers bewegtes Leben gehört dazu, vor allem aber ihre Musik, die moderne Tonalitäten mit Naturgeräuschen und Klangformen aus der ganzen Welt vereint. Ein Film zum Hören und zum Sehen.

Webseite: unterwegs-in-der-musik.de

Deutschland 2016 – Dokumentation
Konzept, Regie, Schnitt: Lilo Mangelsdorff
Kamera: Lilo Mangelsdorff, Nina Werth
Länge: 83 Minuten
Verleih: LiMa Media
Kinostart: 18. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

Wer sie sieht, würde niemals auf die Idee kommen, dass es sich um eine der berühmtesten zeitgenössischen Komponistinnen und Musikerinnen handelt: Barbara Heller ist eine lebensfrohe und kluge Frau, gleichzeitig handfest und sensibel, die sich erst im Gespräch als feinfühlige Künstlerin entpuppt. Lilo Mangelsdorff begleitet sie zwischen ihrer Wahlheimat La Gomera und dem Odenwald. Immer dabei sind die sorgsam geordneten Fotoordner, in denen Barbara Heller ihr aufregendes Leben in Bildern festgehalten hat. Vom kleinen Mädchen, das schon komponieren wollte, aber nicht durfte, bis heute ist nicht nur viel Zeit vergangen, sondern es hat sich einiges geändert und vieles sogar verbessert. Denn als Barbara Heller sich der Musik zuwandte, gab es noch keine Dirigentinnen, Frauen durften nicht jedes Instrument erlernen, und das Komponieren war ebenfalls Männersache. Heute hört sich das an wie die ferne Erinnerung an eine vollkommen fremde Welt.

Doch irgendwie hat Barbara Heller es geschafft, sich durchzusetzen. Sie wurde zunächst Pianistin, gab Unterricht und hat immer weiter komponiert. Dabei bleibt sie jedoch stets bescheiden. Es gäbe viele, die gut seien und Talent hätten, sagt sie. Doch was sie vermutlich von anderen unterscheidet, ist ihre umgängliche Art zusammen mit einem großen Talent fürs Netzwerken sowie jede Menge Mut zum Experiment. Zu ihren musikalischen Erfahrungen gehören Toncollagen, experimentelle Installationen und vielfältige Klangerlebnisse. Sie sucht die Töne, sie ist eine Hörerin. Mit ihrer jungen Stimme, die so lebhaft und angenehm klingt, berichtet sie von ihrer bewegten Vergangenheit und von der nach wie vor arbeitsreichen Gegenwart und erweist sich als angenehme Gesprächspartnerin, die wenig Privates preisgibt, dafür umso mehr über Musik.
 
Lilo Mangelsdorff zeigt die alte Dame als ebenso handfeste wie sensible Musikerin, die bis heute vielfältig aktiv ist, auch politisch, und zwar besonders, wenn es um Frauenrechte geht. Ihr vermutlich bekanntestes Werk ist „Lalai“ mit dem Untertitel „Schlaflied zum Wachwerden?“. Barbara Heller variiert hier die schlichte Melodie eines Volksliedes und erinnert an 50 Frauen, die unter der Chomeini-Herrschaft im Iran ermordet wurden. Sie widmete es 1989 allen persischen Frauen und schuf damit seinerzeit eine Art feministische Hymne.
 
Vielleicht altersbedingt ist der Kreis um Barbara Heller recht klein, so dass neben ihr nur wenige andere zu Wort kommen. Dazu zählt Mary Ellen Kitchens vom Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik, den Barbara Heller mitbegründet hat, um gemeinsam mit anderen Frauen vergessene Komponistinnen und ihre Werke aufzuspüren. Barbara Hellers unprätentiös feministischer Background ist einer der spannendsten Aspekte dieses Films, der besonders im letzten Drittel leider an Intensität verliert und auf diese Weise kaum über eine solide gemachte TV-Geschichte hinausragt. Doch das liegt sicherlich nicht an der sympathischen Protagonistin, deren Klangwelten den anspruchsvollen, kleinen Film zu einem raren akustischen Erlebnis moderner Musik machen.
 
Gaby Sikorski