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Ende 2013 brach Dokumentarfilmer Michael Glawogger zu einer Reise um die Welt auf, um in unterschiedlichen Ländern zufällige, ungeplante Bilder einzufangen. Doch nach nicht einmal fünf Monaten starb er überraschend in Liberia an Malaria. Zwei Jahre später hat seine Cutterin Monika Willi das Material geordnet und gestaltet. Das Ergebnis ist ein erhellender, unbedingt sehenswerter filmischer Essay über Bewegung und Unterwegssein, über die Macht des Zufalls und das Einlassen auf das Fremde.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Österreich/Deutschland 2017
Regie: Michael Glawogger, Monika Willi
gesprochen von Birgit Minichmayr
Länge: 107 Min.
Verleih: Realfiction
Kinostart: 26.10.2017

FILMKRITIK:

Eine Reise um die Welt hatte es werden sollen, etwa ein Jahr lang, ohne Pausen, ohne feste Drehorte, mit einer zufälligen, sehr offenen Versuchsanordnung. Am 3. Dezember 2013 brach der österreichische Regisseur Michael Glawogger, bekannt durch so wichtige Dokumentarfilme wie „Megacities“ (1998), „Workingman’s Death“ (2005) und „Whores’ Glory“ (2011), mit Kameramann Attila Boa und Tonmann Manuel Siebert auf. „Dieser Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition.“ Sätze des Regisseurs, die dem Film vorangestellt sind.  Doch im April 2014 stirbt Michael Glawogger innerhalb weniger Tage in Liberia an Malaria – bis dahin hatte er den Balkan, Italien, Nordwest- und Westafrika bereist. Zwei Jahre später hat sich Glawoggers Cutterin Monika Willi daran gemacht, das Filmmaterial zu sichten, in die Bilder einzutauchen, sie zu ordnen und zu gestalten. Monika Willi war sich des Problems durchaus bewusst: Wie kann sie ohne den Regisseur Entscheidungen treffen und den Film beenden? Und doch hat sie sich der Verantwortung gestellt und, allein im Schneideraum, eine eigene Reise hinter sich gebracht. Jetzt gibt es den Film, und das ist es, was zählt.
 
Kein Thema, keine Handlung, kein roter Faden – Glawogger reist als beobachtender Traveler, ohne konkreten Plan, ohne vorgefertigte Urteile, nur geleitet vom Prinzip des glücklichen Zufalls. Die Dinge passieren, und das macht sie zeigenswert. Und so sieht der Zuschauer Menschen und Tiere, ihren Elan und ihre Vitalität, aber auch Tod und Verwesung, Landschaften und Häuser, dunkle Städte, weil der Strom ausgefallen ist, und loderndes Feuer, das trockene Steppe verschlingt, abgelegene Paradiese voller Ruhe und das pralle Leben in den engen Straßen afrikanischer Großstädte. Wir sehen bei einer Veranstaltung halbnackte Männer im Staub ringen oder sind Zeugen, wie ein Junge von Umstehenden grausam verprügelt wird. Auf dem Balkan gibt es menschenleere Straßen, Häuser mit Einschüssen, Rohbauten, die niemals fertig werden, weil sich keiner die Mühe macht. Und dann ein verwaistes Dorf, aus dem die Bewohner aus Angst vor Erdbeben geflohen sind, um sich auf der anderen Bergseite einzurichten. Es gibt keine Interviews, keine Erklärungen, keine Untertitel, die Ort oder Zeit bestimmten. Statt dessen hat Monika Willi einen poetischen Kommentar, auf englisch gesprochen von Fiona Shaw, auf deutsch von Birgit Minichmayr, über die Bilder gelegt, den Glawogger als Blog für zwei Tageszeitungen geschrieben hatte. So entstand ein erhellender filmischer Essay über Bewegung und Unterwegssein, über die Macht des Zufalls und das Einlassen auf das Fremde. Als Zuschauer muss sich nur dem Fluss der Bilder überlassen und zuhören – und schon ist man in einer anderen Welt.
 
Michael Ranze