Urmila für die Freiheit

Offiziell ist die Sklaverei schon lange abgeschafft, doch inoffiziell sind weltweit Millionen Menschen in unterschiedlichen Formen noch immer versklavt. In Nepal sind die Opfer einer dieser Formen moderner Sklaverei als Kamalari bekannt, was so viel heißt wie "hart arbeitende Frau". Ein Hohn, denn es sind vor allem Kinder, wie die in Susan Gluths Dokumentation porträtierte Urmila Chaudhary, die in die Leibeigenschaft verkauft werden.

Webseite: www.urmila-film.de

OT: Urmila – my memory is my power
Deutschland 2016 – Dokumentation
Regie & Buch: Susan Gluth
Länge: 87 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 26. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Allein die Vorstellung, Sklaven zu halten, ist in den westlichen Gesellschaften längst vorbei, wobei gern ignoriert wird, dass die meist illegalen Einwanderer, die auf den Feldern in Spanien, Italien oder Holland Gemüse pflücken unter oft sklavenähnlichen Umständen schuften. Ganz ähnlich funktioniert auch in manchen afrikanischen oder asiatischen Ländern die Rechtfertigung, mit der Menschen in unterschiedliche Formen der Leibeigenschaft verkauft oder hineingeboren werden.

Offiziell ist zwar in praktisch jedem Land die Sklaverei verboten, doch die oft himmelschreiende Armut macht das Verkaufen der eigenen Kinder oft geradezu unausweichlich. Gerade in Nepal ist die Situation besonders dramatisch, ist die Armut so groß, dass der Verkauf von Kindern erschreckende Normalität hat. So erging es auch Urmila Chaudhary, die mit sechs Jahren an einen wohlhabenden Mann verkauft wurde, in dessen Haus sie fortan arbeiten musste. Es wäre fast zynisch zu sagen, dass es ihr dort zumindest was Unterkunft und Ernährung angeht, wohl besser gegangen ist, als in ihrer Großfamilie, kann dies den Verlust an Freiheit schließlich nicht ersetzen.

Dennoch scheint es Urmila in den zwölf Jahren der Leibeigenschaft verhältnismäßig gut gegangen zu sein, aus der sie sich schließlich selbst befreien konnte. Wie genau bleibt in Susan Gluths Dokumentation „Urmila – My Memory is my Power“ offen, nur selten blickt Urmila auf ihre Vergangenheit zurück, scheint auch mit ihrem Vater, der sie einst verkaufte, ihren Freiden gemacht zu haben und blickt statt dessen nach vorne. Obwohl sie in den Jahren der Leibeigenschaft nicht zur Schule gehen konnte ist sie inzwischen engagiertes Mitglied der Organisation „Freed Kamalari Development Forum“ geworden und setzt sich aktiv für die Rechte von Frauen und Mädchen ein.

Bei dieser Arbeit beobachtet Gluth Urmila, zeigt sie bei Demonstrationen, einem Treffen mit Nepals Staatsoberhaupt oder bei der Befreiung von Sklaven. Ausgesprochen burschikos agieren Urmila und ihre Mitstreiterinnen hier, verlangen von Passanten den Beweis, dass die sie begleitenden Kinder tatsächlich ihre eigenen sind, was sich oft als schwierig erweist. Und auch in ihrem eigenen Leben läuft es nicht immer so glatt, wie Urmila sich das vorstellt: Sie träumt davon, zu studieren und sich als Anwältin für die Rechte der Frauen einzusetzen, erscheint jedoch oft als zu rastlos, zu umtriebig, um sich wirklich auf die Schule zu konzentrieren. Ein durchaus ambivalentes Porträt zeigt Gluth hier, das jedoch am Ende in erster Linie von großer Sympathie für das Leben einer Frau geprägt ist, die trotz eines gelinde gesagt schwierigen Lebens erstaunlicherweise in keinem Moment verbittert wirkt.
 
Michael Meyns