Väter und andere Katastrophen

Eine Tochter, die bald heiraten will, zwei potenzielle Väter, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ausgerechnet in die letzten Hochzeitsvorbereitungen des Nachwuchses platzt die Frage eines ungeklärten Verwandtschaftsverhältnisses. Martin Valentes turbulente Familiengeschichte bietet leichte Unterhaltung und einen ziemlich französischen Wohlfühlfaktor. Wie sehr so etwas gefragt ist, bewies zuletzt der Publikumserfolg „Ziemlich beste Freunde“.

Webseite: www.vaeterundanderekatastrophen-film.de

OT: Un jour mon père viendra
F 2011
Regie: Martin Valente
Drehbuch: Martin Valente, Gianguido Spinelli
Darsteller: Francois Berléand, Gérard Jugno, Olivia Ruiz, Jamie Bamber
Länge: 99 Minuten
Kinostart: 3.5.2012
Verleih: Camino Filmverleih

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bis auf das Alter scheinen der distinguierte Bernard (Francois Berléand) und der gesellige Gustave (Gérard Jugnot) nicht viele Gemeinsamkeiten zu besitzen. Während Bernard sich uns als erfolgreicher Geschäftsmann, Kunstfreund und Zwangsneurotiker vorstellt, liebt Gustave eher die einfachen Dinge des Lebens. Ein gutes Glas Wein, ein gutes Essen und seinen alten Citroën. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn nach dem Tod seiner Frau erfährt Bernard, dass er Vater einer inzwischen längst erwachsenen Tochter ist. Chloé (Olivia Ruiz) heißt sie und lebt in Südfrankreich. Zusammen mit Gustave, der Chloé großgezogen hat und zunächst nicht ahnt, dass ein anderer ihr biologischer Vater sein könnte, will er ihr einen Besuch abstatten. Dabei platzen die beiden Männer mitten in die Hochzeitsvorbereitungen ihrer „gemeinsamen“ Tochter. Die sucht dringend einen kultivierten, gebildeten Ersatzpapa, der sie zum Traumalter führen kann. Ohne zu wissen, wer da plötzlich vor ihr steht, wählt sie schließlich Bernard für diese heikle Mission aus.

Für Regisseur und Drehbuchautor Martin Valente bot sich mit „Väter und andere Katastrophen“ die Möglichkeit, eine heitere, nach dem Vorbild bekannter französischer Komödien gestrickte Familiengeschichte zu erzählen. Dabei setzt sein Film von der ersten Minute auf einen unwiderstehlichen, sehr französischen Wohlfühlfaktor. Bereits der bunte Vorspann mit seinem aus „Little Miss Sunshine“ entliehenen musikalischen Thema deutet an, dass Valente vor allem das Leichte und Humorige dieser gleich doppelten Vater-Tochter-Wiedervereinigung betonen möchte. Nach dem komplexen Beziehungsdrama „Fragile(s)“ vollzieht er damit tonal eine 180-Grad-Wendung. Inhaltlich bleibt sich Valente hingegen treu. Wieder einmal steht eine etwas andere Familie im Mittelpunkt seiner Erzählung.

In der Tat fällt das Trio Bernard-Gustave-Chloé aus dem Rahmen klassischer Familienbilder. Die ungeklärten Verwandtschaftsverhältnisse liefern zudem jede Menge Vorlagen für turbulente und bisweilen hinreißend absurde Verwicklungen. Valentes Film scheut dabei keineswegs vor Albernheiten und manchmal etwas zu brachialen Pointen zurück. Aber das – so erinnern wir uns nur zu gerne – war selbst bei einem Meister wie Louis de Funès nie anders. Der überdrehte Irrwitz, das Spiel mit Klischees und Manierismen gehört zur französischen Komödie ganz einfach dazu. Hier sind es neben der doppelten Vaterschaftsfrage insbesondere die gegensätzlichen Charaktere Bernard und Gustave, die mit ihren kleinen Reibereien für Tempo und Schwung sorgen. Gekonnt spielen sich ein fabelhafter Francois Berléand und sein Filmpartner Gérard Jugnot die Bälle zu, wobei die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere zunehmend hinter einen echten Freundschaft verschwindet.

Damit funktioniert „Väter und andere Katastrophen“ letztlich nach dem bewährten Buddy-Movie-Prinzip. Zwei Typen, die anfangs mehr trennt als verbindet, starten gemeinsam in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Die Ähnlichkeit zum Publikumserfolg „Ziemlich beste Freunde“ lässt sich trotz der unterschiedlichen Rahmenhandlung nicht leugnen. Auch wenn Valentes Film im direkten Vergleich nur als zweiter Sieger den Platz verlässt, so besitzt er doch beste Chancen auf eine erfolgreiche Mund-zu-Mund-Propaganda. Seine Botschaft ist klar: Gegensätze ziehen sich nicht nur an, sie sind auch ziemlich unterhaltsam.

Marcus Wessel

Chloé, Mitte 30, hat sich den erfolgreichen und sehr begüterten amerikanischen Tennisstar Stephen geangelt und will heiraten. Das Fest steht kurz bevor. Die Misere: Sie hat, was ihre Kindheit und Jugend betrifft, ihrem Liebsten etwas vorgegaukelt. Denn ihren Vater, den sie früher offenbar öfter betrunken sah als anders, will sie auf keinen Fall vorzeigen; die Mutter Barbara lebt nicht mehr. Jetzt muss sie aber für die Hochzeit unbedingt einen Vater aufweisen.

Sie castet Schauspieler, denen sie genau vorgibt, wie diese sich Stephen gegenüber und bei der kirchlichen Zeremonie verhalten müssen. Sie haben ihren Auftritt, werden gut bezahlt und dann wieder entlassen.

In Paris stößt der Wirtschaftsboss Bernard Beu auf alte Briefe, aus denen hervorgeht, dass seine frühere Geliebte Barbara, mit der er allerdings nur kurz zusammen war, schwanger wurde und eine Tochter gebar: Chloé?

Er sucht Barbaras langjährigen Ehemann Gustave, Chloés eventuellen Vater, auf. Bernard will nach so vielen Jahren Chloé auf alle Fälle kennenlernen und deshalb zur Hochzeit fahren – allein. Aber Gustave lässt sich nicht abwimmeln, fährt mit.

Jetzt kommt es zwangsläufig zu köstlichen Versteck- und Verwechslungsspielen zwischen Stephen, Chloé, Bernard und Gustave, zu Verwirrungen und Misstrauen, zu Frage-und-Antwort-Szenen, zu sehr komischen Situationen – und natürlich zu einer Art Happy End. Wer wer ist und wer genau zu wem gehört, ist nun schon nicht mehr wichtig.

Ein anspruchsloses aber witziges und amüsantes Stück im Screwball-Stil, das von guten Dialogen, einer flotten Montage und natürlich von den Schauspielern lebt – auch wenn manches ein wenig klischeehaft ausgefallen ist. Was die schon etwas älteren Darsteller Gérard Jugnot als quecksilbriger Gustave und François Berleand als gesetzter aber eindrucksvoller Bernard abliefern, davon können sich manche junge Schauspieler, die sich viel zu früh schon für etwas Besonderes halten, ein schönes Stück abschneiden.

Eine anspruchslose aber witzige, unterhaltsame und angenehme französische Komödie mit erstklassigen Darstellern, die als reines Genre-Stück auch im Arthouse-Bereich eingesetzt werden kann.

Thomas Engel