Van Gogh und Japan

Zum Abschluss der 6. Staffel der Kunst und Künstler-Reihe Exhibition on Screen kommt „Van Gogh und Japan“ ins Kino, einer der besten Filme der Reihe. Denn Regisseur David Bickerstaff gelingt es über die der Dokumentation zugrundeliegende Ausstellung hinaus, auf überzeugende Weise zu zeigen, welche vielfältige Wechselbeziehungen es zwischen Vincent van Gogh und Japan und seiner Kunst gab und bis in die Gegenwart gibt.

Webseite: exhibitiononscreen.com

Dokumentation
Großbritannien 2019
Regie: David Bickerstaff
Buch: David Bickerstaff & Phil Grabsky
Länge: 85 Minuten
Verleih: Exhibition on Screen
Kinostart: 16. Juni 2019

FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick scheinen Vincent van Gogh und die Kunst Japans wenig Gemeinsamkeiten zu haben. Auf der einen Seite der holländische Maler, der erst unlängst in Julian Schnabels Künstler-Biographie „An der Schwelle zur Ewigkeit“ einmal mehr als exzentrischer Berserker geschildert wurde, der die Welt auf ganz eigene Weise sah und malte. Auf der anderen Seite ein Land, das oft für seine ruhige, fast meditative Kunst bekannt ist, höchst stilisierte, feine Zeichnungen, geprägt von Tatamimatten, Bambustüren und Teezeremonien.
 
Doch in den letzten Jahren ist immer klarer geworden, welchen kulturellen Austausch es zwischen Europa und Japan gegeben hat, wie groß der Einfluss war, den japanische Kunst und Ästhetik auf westliche Künstler hatte. Direkte Linien lassen sich etwa von den klaren Strukturen japanischer Architektur zum Bauhaus ziehen, nicht zuletzt aber von den traditionellen japanischen Farbholzschnitten zum Impressionismus.
 
Mit Beginn von Handelsbeziehungen zwischen dem Westen und Japan, die erst durch die erzwungene Öffnung Japans im Jahre 1853 begannen, kamen bald auch Exemplare des Farbholzschnitts nach Europa und erregten schnell die Aufmerksamkeit westlicher Künstler. Auch Vincent van Gogh sammelte trotz seiner lebenslangen Geldnöte Holzschnitte von Meistern wie Katsushika Hokusai, etwa die „36 Ansichten des Berges Fuji“. So wie auch seine Zeitgenossen Gauguin, Schiele oder Klimt war auch van Gogh beeindruckt von den klaren Linien und Farben der Holzschnitte, dem bewussten Verzicht auf perspektivisch korrekte Wiedergabe der Realität, den ungewöhnlichen Blickwinkeln, die den Traditionen westlicher Kunst widersprachen.
 
Wie David Bickerstaff anhand von Exponaten aus dem van Gogh Museum in Amsterdam nun überzeugend zeigt, beeinflussten diese Farbholzschnitte unmittelbar die Kunst van Goghs. Zunehmend bediente sich van Gogh breiter Farbflächen, wählte ungewöhnliche Perspektiven und verwendete zunehmend Diagonalen. Einflüsse und Inspirationen, die gerade in seinen letzten Jahren, als er die Hektik von Paris hinter sich gelassen hatte und im Süden Frankreichs nach Einsamkeit suchte, zu den berühmtesten Gemälden van Goghs führten. Die Jahrzehnte später gerade in Japan heiß begehrt waren und dazu beitrugen, van Gogh zu einem der teuersten Künstler aller Zeiten zu machen.
 
Gerade dass sich Bickerstaff nicht nur auf die eine Seite der Verbindung van Gogh-Japan konzentriert, macht seinen Film sehenswert. Denn es ist das komplexe Wechselspiel zwischen West und Ost, zwischen revolutionärem holländischem Künstler und traditioneller japanischer Malerei, die diese Verbindung besonders macht. Einst war es van Gogh, der sich von japanischer Kunst beeinflussen ließ, inzwischen sind es zeitgenössische japanische Künstler, die sich von Motiven aus van Goghs Gemälden inspirieren lassen und weiterentwickeln. Ein beredtes Beispiel für kulturellen Austausch, der meist deutlich vielschichtiger verläuft, als es auf den ersten Blick scheint. Diesen Aspekt herauszustellen ist einer der vielen Verdienste einer Dokumentation, die sowohl für Bewunderer von van Gogh als auch der traditionellen japanischen Farbholzschnitte sehenswert ist.
 
Michael Meyns