Vaterlandsverräter

Ein Film über Paul Gratzik, Schriftsteller, Dramaturg, Dissident und Stasi-Spitzel. Einen überaus streitbaren, in vielerlei Hinsicht zerrissenen Mann stellt Annekatrin Hendel in den Mittelpunkt ihrer Dokumentation, die ein eindrucksvoll komplexes Bild des Lebens in einem Überwachungsstaat zeigt, dabei aber selbst nicht immer ganz frei von problematischem Handeln ist. Ein höchst spannender, in vielerlei Hinsicht zwiespältiger Dokumentarfilm.

Webseite: vaterlandsverraeter.com

Deutschland 2010 – Dokumentation
Regie, Buch: Annekatrin Hendel
Länge: 96 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 20. Oktober 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zeit seines Lebens war der 1935 geborene Paul Gratzik eine Randfigur. Erst als Lehrer tätig, kam Gratzik Mitte 30 zur Literatur, schrieb Erzählung und Dramen, war beim Berliner Ensemble fest angestellt, arbeitet aber auch noch lange in einem Industriebetrieb. Und war zwischen 1962 und 1981 IM der Stasi und verfasste Berichte über Freunde, Kollegen und Geliebte wie Heiner Müller, Renate Biskup oder Ernstgeorg Hering. Anfang der 80er Jahre kündigte Gratzik die Zusammenarbeit auf, was zum einen die Isolation von seinen Schriftstellerkollegen zur Folge hat, zum anderen, dass er nun selbst zum Objekt der Beobachtung durch die Stasi wird. Inzwischen lebt der Autor in einem baufälligen Hof in der Uckermark und erwartet mit eigenen Worten „knieenden Herzens sein seeliges Ende.“

Seit 20 Jahren ist die Regisseurin Annekatrin Hendel mit Gratzik bekannt, man darf wohl auch sagen befreundet. Das ist zum einen fraglos der ausschlaggebende Grund, warum es ihr überhaupt möglich war, diese Dokumentation zu realisieren. Andererseits besteht durch diese Freundschaft eine Nähe zwischen Autor und Subjekt, die für die Haltung des Films nicht immer unproblematisch ist und zu etlichen fragwürdigen Momenten führen, die die moralische Ambivalenz des ganzen Unternehmens nur noch steigern. Das es diesen Film überhaupt gibt, ist ohnehin überraschend, denn immer wieder betont Gratzik in derben Worten, dass er keinerlei Interesse hat, sich über seine Stasi-Vergangenheit zu äußern, dass er die „westlichen Filmfragen“ der Regisseuren verachtet – und dabei ganz vergisst, dass auch Hendel in der DDR aufgewachsen ist. Und dennoch äußert sich Gratzik immer wieder zu seiner Vergangenheit, die ihn augenscheinlich tief bewegt, so sehr er sie auch verdrängen möchte. Wenn er da von ihm selbst verfasste Berichte liest, mag er sich zunächst nicht erinnern, um im nächsten Moment seine Autorschaft ohne Ausrede zuzugeben. Durch die Stasi will er das Schreiben gelernt haben, empört sich aber gleichzeitig über die unerträgliche Beamtensprache der Berichte. All diese Zwiespälte durchziehen den Film, für den Hendel zahlreiche Wegbegleiter Gratziks Interviewte, von Theaterkollegen über Gratziks Führungsoffizier, bis zu alten Geliebten des offenbar einst überaus virilen Dichters.

Kein klares Bild formt sich aus diesen Einzelteilen, vielmehr ein Abbild der moralischen Fallstricke des Lebens in einem Überwachungsstaat, schwankend zwischen intellektueller Arbeit und dem Menetekel der Diktatur. So ist es sicherlich konsequent, dass Hendel keine moralische Position bezieht, sich einer klaren Wertung von Gratziks Handlungen entzieht. Was durch die Nähe Hendels zu Gratzik allerdings bisweilen unterlaufen wird. Ohne diese hätte sich Gratzik fraglos nicht so unverblümt vor der Kamera geäußert, hätte er sich nicht so bloß gestellt, wie er es in manchen Szenen tut. Viel fragwürdiger ist aber Hendels manipulative Gesprächsführung gegenüber Renate Biskup, einer ehemaligen Geliebten Gratziks. Der legt Hendel Stasi-Akten vor, lässt Biskup aber über den Verfasser rätseln, um sie dann vor laufender Kamera mit der Erkenntnis zu konfrontieren, dass es Gratzik war. Zwar ein eindrucksvoller Moment, aber die Art und Weise wie hier alte Geliebte zum Wohle des Films gegeneinander ausgespielt werden durchaus fragwürdig. Ebenso wie die häufig eingeblendeten Aquarelle, mit denen Erzählungen auf etwas plakative Weise bebildert werden und die einmal Gratzik in Anlehnung an Leonardos Letztes Abendmahl in der Position Jesus zeigen. Ob dies als ernst gemeinte Beschreibung von Gratziks Rolle oder ironischer Kommentar sein soll, bleibt ebenso offen wie viele andere Fragen. Aber angesichts eines so schwierigen, moralischen vielschichtigen, von persönlichen, beruflichen und sozialen Umständen geprägten Themas wie dem Leben in einem Überwachungsstaat ist eine solche Ambivalenz vielleicht nicht das Schlechteste.

Michael Meyns

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