Venezianische Freundschaft

Mit „Venezianische Freundschaft“ knüpft der junge italienische Regisseur Andrea Segre an die Tradition des großen italienischen Kinos der Neorealisten. Seine zutiefst anrührende bittere Fischerromanze aus Chioggia erzählt in poetischen Bildern und sensiblen Dialogen voller Wärme und großer Liebe zu den Figuren von Menschlichkeit und Hoffnungen. Vor dem Hintergrund von Migration und Culture-Clash durch Einwanderer aus Fernost beschwört das leise Kinojuwel Humanität und verleiht chinesischen Zuwanderern ein persönliches Gesicht.

Webseite: www.rendezvous-filmverleih.dde

Italien, Frankreich 2011
Regie: Andrea Segre
Darsteller: Tao Zhao, Rade Serbedzija, Roberto Citran, , Giuseppe Battiston,
Drehbuch: Marco Pettenello, Andrea Segre
Länge: 98 Minuten
Verleih: Rendevous Filmverleih
Kinostart: 5.12.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Unermüdlich näht Shun Li (Tao Zhao) im Akkord Hemden in einer Fabrikhalle in Rom. Die junge Chinesin arbeitet härter als alle anderen. Sind dreißig T-Shirts gefordert, produziert sie zehn mehr. „Jene zehn sind für dich“, schreibt die Migrantin sehnsüchtig an ihren kleinen Sohn. Denn sobald sie ihre Schulden abbezahlt hat, möchte sie den achtjährigen zu sich nach Europa holen. Geld, das die chinesischen Bosse, die ihre illegale Einreise ermöglichten, von ihr verlangen. Ihr Fleiß wird scheinbar belohnt.

Shun Li findet sich im venetischen Fischerstädtchen Chioggia wider. Sie soll dort für ihre chinesischen Chefs die alte Bar direkt am Kutterkai führen. Im Stammcafe der ansässigen Fischer aus der Lagune von Venedig läuft das Fernsehen wenig beachtet vor sich hin, der Billardtisch steht verwaist in der Ecke. Misstrauisch betrachten die Fischer die junge Fremde. Mit einer, die nicht einmal weiß was ein Caffé Corretto ist, wollen sie nichts tun haben. Nur Bepi (Rade Sherbedgia), den sie „den Poeten“ nennen, hilft ihr.

Der bärtige Fischer nimmt die junge Frau sogar mit auf sein Boot, um ihr seine Fischerhütte auf Pfählen in der Lagune zu zeigen. Die Liebe zur Poesie verbindet die beiden. Shun Li erzählt im dass zu Ehren des chinesischen Dichters Qu Yuan schwimmende Kerzen angezündet und aufs Wasser gesetzt werden. Langsam und zaghaft entwickelt sich zwischen ihnen eine feinfühlige Freundschaft. Aber diese Nähe ist nicht nur den einheimischen Fischern sondern vor allem auch den chinesischen Bossen ein Dorn im Auge.

„Io sono Li“, so der italienische Titel, dieses sensiblen Melodram, ist im Italienischen ein Wortspiel. Es bedeutet zum einen „Ich bin Li“, aber auch „Ich bin hier“. Dieses Hier fängt der norditalienische Regisseur Andrea Segre, der bisher hauptsächlich Dokumentarfilme drehte, gekonnt in der Tradition des großen italienischen Kinos der Neorealisten ein. „Wenn wir mehr über die Anderen und ihre Gewohnheiten lernen – und das fordert eine Menge Mut – entdecken wir zugleich auch viel Neues an uns selbst“, glaubt der 37jährige.

Seine suggestiv poetischen Bilder verleihen dieser bittersüß-melancholischen Geschichte eine einzigartige Kraft. Ein Kamerablick, der sucht, als wollte er nur konstatieren, aber nicht behaupten. Dabei verrät er jedoch durchaus akribische Inszenierung. Vor allem die Präsenz der beiden versierten Hauptdarsteller prägt diesen Gefühlskosmos. Streckenweise erinnert das leise Kinojuwel, das seine Faszination auch aus einer feinen Zeichnung seiner Charaktere bezieht, an die Dramen des süditalienischen Filmemachers Gianni Amelio, der mit „Il ladro di bambini“ und „Lamerica“ Erfolge feierte.

Luitgard Koch