Verliebt verlobt verloren

In ihrem neuen Dokumentarfilm beschäftigt sich die in Korea geborene, seit langem in Deutschland lebende Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“, „Endstation der Sehnsüchte“) mit dem wenig bekannten Thema nordkoreanischer Studenten, die in den 50er Jahren für einige Jahre in der DDR lebten. Persönliche Schicksale und historische Entwicklungen verknüpft die Regisseurin zu einer sehenswerten Dokumentation.

Webseite: www.verliebtverlobtverloren.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Sung-Hyung Cho
Länge: 95 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 25. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Nicht nur Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten geteilt, ein ähnliches Schicksal erlitt auch Korea, das in einen kapitalistischen Süden und einen kommunistischen Norden geteilt wurde. Die Blockbildung im Zuge des Kalten Kriegs führte zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen Nordkorea, und der DDR und so kamen schon Anfang der 50er Jahre erste Studenten aus Asien nach Deutschland, die allein schon äußerlich exotisch wirkten. Und für die weibliche Bevölkerung durchaus auch attraktiv, was im Lauf der Jahre zu etlichen deutsch-koreanischen Partnerschaften und Kindern führte. Doch die globale Politik nimmt keine Rücksicht auf persönliche Schicksale, erst recht nicht, wenn es sich um autokratische Systeme wie das der DDR und besonders Nordkorea handelt.

Diese Verflechtung von Privatem und Politischem ist aus vielerlei Gründen dankbarer Stoff für einen Dokumentarfilm. Die mit der Heavy-Metal Dokumentation „Full Metal Village“ bekannt gewordene Sung-Hyung Cho, die sich mit ihrem 2009 entstandenen Film „Endstation der Sehnsüchte“ schon einmal mit einem Aspekt der deutsch-koreanischen Geschichte beschäftigt hatte, konzentriert sich in „Verliebt, verlobt, verloren“ auf die persönliche Dimension. Eine Darstellung der größeren politischen Entwicklung bleibt bis auf kurze Fakten zum Koreakrieg weitestgehend aus. Gerade die komplexen Entwicklungen im kommunistischen Lager, die das Schicksal der im Film gezeigten Personen unmittelbar beeinflusste, werden nur angedeutet. Denn es war die Trennung zwischen Moskau und Peking, die zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen Nordkorea und der DDR führte, die sich eher der sowjetischen Version des Kommunismus zuwandte. Für die deutsch-koreanischen Paare bedeutete diese Entwicklung das Ende: Die Nordkoreaner wurden quasi in ihre Heimat zurückbeordert, was etliche Partnerschaften abrupt beendete.

Im Mittelpunkt von „Verliebt, verlobt, verloren“ stehen zum einen die inzwischen älteren deutschen Frauen, die sich in oft berührenden Aussagen an die koreanischen Männer erinnern, mit denen sie nur kurze Zeit zusammenleben konnten. Zum andern kommen etliche deutsch-koreanische Kinder zu Wort, die ihre Väter meist nie kennen lernen konnten. Drei von ihnen begleitete Sung-Hyung Cho bei einem Besuch in Nordkorea. Zu einer Familienzusammenführung kam es dabei zwar nicht, wobei unklar bleibt, ob dies am Tod der Väter lag oder an der bewussten Verhinderung eines Treffens seitens der nordkoreanischen Behörden. So bleibt den Kindern nur, sich auf unbestimmte Spurensuche ihrer Väter zu begeben, Erinnerungsfotos zu machen und so ihren zu Hause gebliebenen Müttern zumindest einen kleinen Einblick in das Leben ihrer lange verlorenen Männer zu geben.

Bedauerlicherweise, auf Grund des notorisch abgeschotteten Landes allerdings wohl unvermeidlich, fehlt eine Sicht der anderen Seite völlig. Kein Nordkoreaner kommt zu Wort, weder einer der ehemaligen DDR-Besucher noch ein offizieller. Doch auch trotz dieser Lücken ist „Verliebt, verlobt, verloren“ ein interessanter, oft berührender Blick auf eine kaum beachtete Episode der deutschen Geschichte, die einmal mehr zeigt, wie das große Ganze Einfluss auf persönliche Schicksale und tragische Folgen haben kann.
 
Michael Meyns