Verliebte Feinde

Diese Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm des Dokumentarfilmers Werner Schweizer erhellt ein bislang eher unterbelichtetes Kapitel der Schweizer Geschichte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Frauenwahlrecht und Feminismus kontra traditionelles Ehe- und Familienverständnis – diese Themen spiegeln sich geradezu exemplarisch in der ungewöhnlichen Liebes- und Lebensgeschichte von Iris und Peter von Roten, die in 1300 Briefen bezeugt ist und von einem radikalen Lebens- und Liebesentwurf erzählt. Das gleichnamige Buch erschien 2007 und lieferte die Idee zum Drehbuch, das auch ein halbes Jahrhundert später noch Widerspruch hervorrufen wird, sind heutige Wertvorstellungen bezüglich Ehe und Familie doch immer noch näher an den Konventionen, an denen sich die von Rotens aufgerieben haben, als an deren Entwurf einer freien Liebe.

Webseite: www.rendezvous-filmverleih.de

Schweiz 2012
Regie: Werner Schweizer
Darsteller: Mona Petri, Fabian Krüger, Thomas Mathys, Annelore Saarbach, Lisa Maria Bärenbold
Verleih: Rendezvous
Start: 02. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Manchmal braucht es erst einen Film, ehe man auf besondere Menschen und ihre Lebensgeschichten aufmerksam wird, und der dabei auch noch ein Stück Zeitgeschichte erzählt.

Die Dokufiktion „Verliebte Feinde“ beruht auf dem 2007 erschienenen gleichnamigen Buch von Wilfried Meichtry, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat.

Erzählt wird die ungewöhnliche Liebes- und Lebensgeschichte von Peter und Iris von Roten, die sich in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Jurastudenten an der Universität Bern kennenlernen. Er stammt aus einer erzkatholisch – konservativen Adelsfamilie aus dem schweizerischen Wallis, sie ist die aufgeklärte und lebensgierige Tochter aus einem liberalen Züricher Elternhaus, die mit großer Rigorosität das damals herrschende Frauenbild hinterfragt, und stattdessen ein Leben als selbstbestimmte, berufstätige und sexuell erfüllte Frau auf ihren Plan vom Glück setzt.

Die Ausgangspositionen könnten unterschiedlicher nicht sein, und so endet ihre erste Begegnung – immerhin ein romantischer Fenstereinstieg Peters in ihr Zimmer – mit einem Rauswurf. Denn während er im Kopf schon über sie herfällt, unterstellt er ihr in Wirklichkeit einen lasterhaften Umgang mit Männern, – fleischgewordenes Beispiel seiner anerzogenen Bigotterie sozusagen, was sie regelrecht zu riechen scheint. Tatsächlich dauerte es dann noch sechs Jahre, bis sie schließlich eine Liebesbeziehung eingingen, die spannungsreich, kontrovers und absolut unkonventionell war.
Überliefert ist ihre Geschichte vor allem durch 1300 Briefe, die Zeugnis geben von einer tiefen Liebe, die keine Tabus zulässt und vielleicht deshalb ein Leben lang hielt. Mit radikaler Offenheit versuchten beide, ihre eigenen Grenzen und die ihrer Beziehung auszuloten und auszuleben.

Der Film setzt seinen Schwerpunkt vom Beginn der Beziehung über die Schwierigkeiten, zu heiraten – sie soll katholisch werden, was sie nicht tut, er soll ihr unterschreiben, dass sie niemals Hausarbeit verrichten wird, er tut es – bis zu ihrer Trennung nicht lange nach der Hochzeit, als sie für ein Jahr nach Amerika geht, um ihre feministischen Forschungen zu betreiben, vor allem aber, um der Enge der Ehe zu entfliehen. Dieses Trennungsjahr wird für beide zu einer Befreiung von alten Mustern, wird die Basis einer Liebe, in der beide frei sein können.

Fast zehn Jahre arbeitet Iris von Roten an ihrem Buch mit dem schönen Titel „Frauen im Laufgitter“, das 1958 erscheint und wofür sie massiv angegriffen wird, insbesondere von Frauen. Wenn man bedenkt, dass das Frauenwahlrecht in der Schweiz, wofür sie und ihr Mann, inzwischen ein erfolgreicher Jurist und Politiker, vehement eintraten, zu diesem Zeitpunkt abgelehnt wurde und sich erst 1972 (!) tatsächlich durchsetzte, bekommt man eine Ahnung davon, in welchem gesellschaftlichen Klima dieses ungewöhnliche Paar seinen radikal anderen Lebensentwurf verwirklichte.

Regisseur Werner Schweizer verschneidet die Spielszenen mit dokumentarischem Material, zum Beispiel Fotos mit zum Teil gleichen Arrangements, wie Beweisstücke, dass die Geschichte nicht großes Kino, sondern wirklich geschehen ist. Zum anderen führte er Interviews mit Menschen, die die beiden gekannt haben. Das Spannendste dabei sind die Aussagen der Tochter, die mit großer Zuneigung auf ihre Eltern, besonders ihre Mutter zurückblickt. Das erstaunt, weil sie hauptsächlich bei fremden Familien aufgewachsen ist. Konsequent hat Iris von Roten sich in allererster Linie ihrem Schreiben, ihrer eigenen Selbstverwirklichung verpflichtet gesehen, als den herkömmlichen Aufgaben einer Ehefrau und Mutter. Dass das auch ein halbes Jahrhundert später noch Widerspruch hervorruft, liegt auf der Hand, denn trotz mancher Veränderung sind heutige Wertvorstellungen bezüglich Ehe und Familie weitaus näher an den Konventionen, an denen sich die von Rotens aufgerieben haben, als an deren Entwurf einer freien Liebe.

Besonders Mona Petri als Iris begibt sich in die kantigen und eigenwilligen Tiefen der Figur auch auf die Gefahr hin, Ablehnung zu erfahren. Was vielleicht einen ganz wesentlichen Aspekt dieser Frau trifft, nämlich radikal sie selbst zu sein und dennoch geliebt werden zu wollen.

Bei Fabian Krüger als Peter von Roten dauert es, bis man ihm auch den erwachsenen, modern denkenden Mann glaubt. Lange schaut er, immer wenn er Iris begegnet, derart wie ein erschrockenes Kaninchen vor der Schlange, dass er einem ein bisschen leid tut. Umso beeindruckender dann auch seine Entwicklung.

Die 30 Jahre vom erscheinen ihres Buches bis hin zu ihrem Freitad 1990 überspringt der Film, um genau dort wieder anzuknüpfen, was aber schon in den Masken der beiden Schauspieler albern wirkt. Iris’ Freitod als Ergebnis eines radikalen Anspruchs an das Leben wäre eigentlich ein nächster Film. Ich hätte auf die Bilder dazu hier gern verzichtet.

Caren Pfeil

Schweiz, Mitte des 20.Jahrhunderts. Die Familie von Roten ist alter Adel, der schon lange zurückreicht. Die Familie ist streng katholisch, Zucht, Glaube und Tradition herrschen vor. Abweichungen darf es nicht geben.

Ein Sohn ist Priester, der zweite, Peter (1916-1991), liebt Iris Meyer (1917-1990, Tod durch Selbstmord), eine junge Frau, die nicht katholisch ist, die als Frauenrechtlerin hervortritt, die für Frauen das Wahlrecht will. Denn in der Mitte des vorigen Jahrhunderts war davon in der Eidgenossenschaft keine Rede. Die Frau musste sogar die Erlaubnis des Ehemannes einholen, wenn sie „draußen“ arbeitete, also nicht ausschließlich für Kinder und Küche zuständig war.

Die Verlobung von Peter und Iris ist in Gefahr, weil die Familie diese für unmöglich hält, weil Iris nicht einwilligte, den Glauben ihres Mannes anzunehmen. Sie gewinnt schließlich diesen Kampf. Die Heirat findet statt. Übrigens sind beide Doctores der Jurisprudenz.

Peter von Roten wird Parlamentsmitglied. Also eine ansehnliche Position. Iris aber, die über Sexualität arbeitet – es ist die Zeit der Veröffentlichungen des Amerikaners Kinsey, ihr eigenes Buch trägt den Titel „Frauen im Laufgitter“ -, hält ihr Alltagsleben nicht aus. Sie wird einige Jahre in den USA verbringen und dort mit ihren Sexbedürfnissen ausreichend Erfahrungen sammeln. Die beiden Ehegatten schreiben sich Hunderte von Briefen über Politik, Religion, Literatur und anderes– nicht ohne ihre gegenseitige Liebe immer wieder zu beteuern.

Peter bleibt lange allein – bis eines Tages auch er auf eine Frau trifft, mit der er zusammen ist.

Die Liebe scheint aber doch stärker zu sein als alles. Iris kehrt zurück. Bald wird sie eine Tochter gebären.

Ein Dokuspielfilm (mit alten Fotos und Kommentaren von Zeitzeugen). Aber nicht nur das, sondern das Dokument einer Liebe, die unter gesellschaftlichen und traditionellen Zwängen stark zu leiden hat, beinahe scheitert und doch den Sieg davonträgt. Eine Liebe, die, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ richtig schreibt, „nicht fesselt, sondern Freiheit schenkt“. Für die historische schweizerische Emanzipationsentwicklung ist der Film ein glänzendes Beispiel – ein emotionaler Liebesfilm ist er sowieso. Für das Thema muss man ein gewisses Interesse mitbringen.

Die filmische Form ist keine sensationelle, sondern eine sehr einfache. Mehr brauchte es in diesem Fall auch nicht. Die beiden Protagonisten Mona Petri als Iris und Fabian Krüger als Peter (in jungen Jahren und im Alter) verkörpern ihre Parts hervorragend.

Thomas Engel