Victoria – Männer & Andere Missgeschicke

Auch wenn der Titel „Victoria – Männer & Andere Missgeschicke“ auf eine sehr typische, sehr französische Komödie hindeutet: Justine Triets Film ist mehr, auch wenn nicht immer ganz klar wird, was. Elemente eines Dramas verbinden sich mit satirischen Momenten, auch Sex und die Liebe kommen nicht zu kurz, im Mittelpunkt steht dabei stets die vielschichtige, schwer zu fassende Titelfigur.

Webseite: www.victoria-derfilm.de

Frankreich 2016
Regie & Buch: Justine Triet
Darsteller: Virginie Efira, Vincent Lacoste, Melvil Poupaud, Laurent Poitreneux, Laure Calamy, Alice Daquet
Länge: 97 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 4. Mai 2017

FILMKRITIK:

Victoria (Virginie Efira) ist Ende 30 und erfolgreiche Anwältin in Paris. Dazu ist sie außerordentlich attraktiv, zieht zwei Kinder groß, wechselt die Psychiater fast so oft wie ihre Liebhaber und wird nun auch noch von ihrem ehemaligen Freund Vincent (Melvil Poupaud) gebeten, ihn vor Gericht zu vertreten. Dieser wurde des Mordversuchs bezichtigt, soll seiner Freundin bei einer feuchtfröhlichen Hochzeitsfeier ein Messer in den Bauch gerammt haben.
 
Als Besucherin der Hochzeit und ehemalige Freundin des mutmaßlichen Täters ist Victoria eigentlich befangen, doch sie nimmt den Fall dennoch an. Der ehemalige Kleindealer Sam (Vincent Lacoste), den sie einst vor dem Gefängnis bewahrte, was ihr ewige Dankbarkeit und seine totale Hingabe bescherte, hilft ihr bei der Recherche, kümmert sich jedoch vor allem um die Kinder und den Haushalt. Auch für Victorias Probleme mit wechselnden Männerbekanntschaften hat Sam stets ein offenes Ohr und hofft doch darauf, dass Victoria ihn endlich auch als Mann wahrnimmt.
 
Anfangs wirkt „Victoria – Männer und Andere Missgeschicke“ wie eine typisch überdrehte Komödie, bei der eine Figur, die lange Zeit allein und in größter Selbstständigkeit durchs Leben ging, an die Grenzen ihrer Kräfte kommt und langsam lernt, Hilfe anzunehmen. Andererseits fügt Justine Triet in ihrem zweiten Langfilm auch Elemente des Gerichtsfilms ein, zeigt ausführlich Verhandlungen, allerdings mit einem satirischen Tonfall (Erst ein Hund und später ein Gorilla sind etwa wichtige Zeugen der Anklage…), der im Kontrast zu den Schilderungen von Victorias zunehmender Depression stehen.
 
Immer verzweifelter agiert sie bald ob des Chaos in ihrem Leben, ihrem Scheitern an immer neuen Aufgaben, den Attacken ihres Ex, der das gemeinsame Leben für einen Blog ausschlachtet, aber auch den immer neuen, stets scheiternden Versuchen, einen vernünftigen Mann kennen zu lernen.
 
In viele Richtungen bewegt sich Triets Film also, wechselt fortwährend den Tonfall, was ihm etwas Unruhiges, Rätselhaftes, aber auch große Faszination verleiht. Allein das Bild ihrer Geschlechtsgenossinnen, das Triet zeichnet lässt sich kaum auf einen Punkt bringen: Selbstbewusste, eigenständige Frauen zeigt sie einerseits, andererseits aber auch von Männern abhängige, ja geradezu besessene Wesen, die wie Vincents Freundin, geradezu im Wochentakt die Meinung über ihren Freund und oder Angreifer ändert.
 
Einfache Antworten auf Fragen des Zwischenmenschlichen gibt es hier nicht, und auch wenn Triet beim mal komödiantischen, mal satirischen Spiel mit Geschlechterrollen und Paarbeziehungen manches Mal das Heft aus der Hand gleitet: Uninteressant ist ihr Film in keinem Moment. Und allein dass sie ihrer Hauptdarstellerin in Umkehr der auch im französischen Kino sonst allzu üblichen Muster einen deutlich jüngeren Mann als Ideal an die Seite stellt, macht „Victoria – Männer & Andere Missgeschicke“ bemerkenswert.
 
Michael Meyns