Victoria

Auf die Idee muss man erstmal kommen: Einen Film komplett in einer Einstellung zu drehen, ohne technische Tricks, ohne Netz und doppelten Boden, mit vollem Risiko. Genau das haben Sebastian Schipper und seine Mitstreiter, vor allem Kameramann Sturla Brandth Grovlen mit „Victoria“ gewagt und dabei auf ganzer Linie gewonnen. Einer der aufregendsten deutschen Filme seit Jahren und mit großem Jubel auf der Berlinale vorgestellt.

Webseite: www.wildbuch-germany.de/movie/victoria

Deutschland 2014
Regie: Sebastian Schipper
Buch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
Kamera: Sturla Brandth Grovlen
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff, André M. Hennicke, Anna Lena Klenke
Länge: 140 Minuten
Verleih: Edition Senator
Kinostart: 11. Juni 2015
 

Pressestimmen:

"Ein außergewöhnliches Kinoerlebnis – atemberaubend, bezaubernd, mitreißend."
ZDF Heute Journal

„Absolut gigantisch. Kino-Revolution auf der Berlinale: Sebastian Schipper hat seinen Thriller "Victoria" in nur einer Einstellung gedreht. Ein irrsinniges Experiment, ein fantastischer Film…. Ein Film, der das deutsche Kino nachhaltig durchrütteln wird.“
Die Zeit

"Ein ganz besonderes Filmjuwel… Frederick Lau spielt 'Sonne', der am Ende einer langen Berliner Clubnacht eine spanische Austauschstudentin kennenlernt und eigentlich sehr viel lieber weiter mit ihr tanzen würde, anstatt in den frühen Morgenstunden eine Bank überfallen zu müssen. Das alles geschieht in Echtzeit und ohne einen einzigen Schnitt – selten war deutsches Kino aufregender."
Brigitte

FILMKRITIK:

Der Schnitt ist zwar eines der wichtigsten Stilmittel des Kinos, man könnte sogar sagen das einzige Merkmal, dass originär filmisch ist, doch die Faszination der Plansequenz, der langen, ungeschnittenen Einstellung ist ungebrochen. Im Laufe der Filmgeschichte haben es manche Regisseure gar gewagt, einen kompletten Film in einer Einstellung zu drehen, so wie etwa Alfred Hitchcock in „Cocktail für eine Leiche“, Alexander Sokurov in „Russian Ark“ oder aktuell Alejandro Iñárritu in „Birdman“. Während diese Filme jedoch entweder technische Tricks benutzen, um den Eindruck einer kontinuierlichen Einstellung zu erwecken oder in leichter zu kontrollierenden Innenräumen stattfinden, geht Sebastian Schipper in „Victoria“ aufs Ganze. Aus 12 Seiten Treatment bestand das Script, nur aus Szenenbeschreibungen, einer Abfolge von Situationen und Motiven, die dann von den Darstellern vor der Kamera improvisiert wurden.

Die Handlung beginnt in einem Club in Berlin, wo die Spanierin Victoria (Laia Costa) ausgelassen tanzt. Beim Verlassen des Clubs begegnet sie vier Jungs, typischen Berlinern mit denen sie ins Gespräch kommt: Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) nehmen sie mit auf ein Dach über der Stadt, man redet, trinkt und raucht, eins kommt zum anderen und bald kommen sich Sonne und Victoria näher. Doch bevor die Nacht endet, wird Victoria in einem Banküberfall hineingezogen, den Boxer als Begleichung von Schulden aus dem Knast für den Gangster Andi (André M. Hennicke) durchführen muss.

Auf dem Papier hört sich diese Geschichte nur bedingt glaubwürdig an und auch im Kino muss man sich manchmal dazu zwingen, dem Quintett zu folgen und sich einfach vom Sog der Figuren, dem Charisma der Schauspieler und vor allem dem unglaublichen Stilwillen mitreißen zu lassen. Dass das so leicht fällt, dass „Victoria“ eben nicht nur eine bemerkenswerte technische Leistung ist liegt an mehreren Faktoren:

Zum einen sind da die Darsteller, allen voran die Neuentdeckung Laia Costa, die praktisch in jedem Moment im Bild ist und ihre Figur durch ein Wechselbad der Gefühle wandeln lässt. Von der Euphorie des Tanzens, über die Einsamkeit der Ausländerin, die allein in einer fremden Stadt lebt, über die vorsichtige Annährung an Sonne, bis zum Adrenalinrausch des Banküberfalls. Gerade das Zusammenspiel zwischen Costa und Frederick Lau treibt den Film an, vermittelt den Rausch einer durchgemachten Nacht, die Euphorie der Verliebtheit, die dann auch die spontane Bereitschaft Victorias, an einem Banküberfall mitzumachen, glaubwürdig erscheinen lässt.

Doch all das wäre nichts ohne die atemberaubende Kameraarbeit von Sturla Brandth Grovlen. Denn für den Erfolg dieses Experiments war es nicht nur notwendig, 140 Minuten die Kamera auf die Ereignisse zu richten, sondern trotz der oft improvisierten Handlung, der wechselnden Locations, der Verfolgungsjagden per Auto oder zu Fuß, nicht den Eindruck der Zufälligkeit zu erwecken. Und gerade in diesem Bereich beweist Brandth Grovlen ein Gespür für Bildkompositionen, dass beeindruckend ist: Praktisch nie hat man das Gefühl, dass er nicht wüsste, was gleich passieren würde. Stets wählt die Kamera den idealen Ausschnitt, punktiert die Ereignisse, schwenkt im richtigen Moment zu der gerade wichtigsten Person, lässt den Figuren mal Raum oder kommt ihnen nah.

Die einzelnen Elemente von „Victoria“ mögen nicht unbedingt bemerkenswert sein, doch in ihrer Kombination lassen sie dieses Experiment zu einem mitreißenden Erlebnis werden, zu einem wagemutigen, ungewöhnlichen Film, wie man ihn im deutschen Kino lange nicht gesehen hat.
 
Michael Meyns