Vier Minuten

Gefühle in Großbuchstaben.  Das Melodram „Vier Minuten“ von Chris Kraus ist bigger than life – großes Theater auf der Leinwand, das alle Publikumssehnsüchte covert und deshalb auf den Festivals in Shanghai und Hof euphorisch gefeiert wurde. Eine Klavierlehrerin lockt  eine junge Mörderin ans Piano und damit aus der inneren Emigration: Kino voller Pathos, auf das die Zuschauer offenbar sehnlichst gewartet haben. Für Hannah Herzsprung wird dieser Film zum Durchbruch: eine Entdeckung wie zuletzt Johanna Wokalek.

Webseite: www.pifflmedien.de

Deutschland 2006
Regie: Chris Kraus
Mit: Hannah Herzsprung, Monica Bleibtreu, Sven Pippig
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 1.2.2006

PRESSESTIMMEN:

Vitales Drama um die Entwicklung von Menschen, die lernen, sich nach alten Verwundungen aus ihrer inneren Verkapselung zu befreien. Dank der brillanten Hauptdarstellerinnen sowie der furiosen visuellen Gestaltung ein herausragender Film von fast physischer Intensität. – Sehenswert.
film-dienst

…zeigt zwei großartige deutsche Schauspielerinnen bei einem packenden Duell. Hannah Herzsprung spielt eine wilde junge Frau, die im Gefängnis sitzt, aber über ein außergewöhnliches musikalisches Talent verfügt. Monica Bleibtreu verkörpert eine ältliche Klavierlehrerin, die schlechte Manieren verabscheut und ihren Schülerinnen in einer knallharten Schule der Geläufigkeit Disziplin beinbringt.
Der Spiegel

Eine bewegende Frauenfreundschaft… Diese behutsame Annäherung zweier Frauen im Gefängnis ist großes Schauspielerkino.
Cinema

"Vier Minuten" gehörte zu den Highlights der Hofer Filmtage des vergangenen Herbstes. Monica Bleibtreu, die große alte Dame der Bühne, beeindruckt auch im Kino mit ihrer phänomenalen darstellerischen Kraft; und Hannah Herzsprung muss nach dieser Leistung zu den großen Entdeckungen des ohne nicht schwachen Jahrgangs des deutschen Films gezählt werden. "Vier Minuten" nimmt den Zuschauer mit in die Tiefen des menschlichen Seins und scheut sich nicht vor den großen Themen…
Die Leidenschaft und Intensität, mit der hier die grenzenlose Kraft von Musik beschworen wird, verfehlt ihre Wirkung nicht: Kino der Emotionen, von denen man sich davontragen lassen kann."
filmecho

FILMKRITIK:

Jenny sitzt im Knast. Ihre Zornesfalten trennen sie wie Stacheldraht von der Welt. Wer ihr in die Quere kommt, riskiert einen Nasenbeinbruch, sie selbst schneidet sich  – wörtlich – ins eigene Fleisch. Eine aggressive und autoaggressive junge Frau, die, aber das weiß keiner, in ihrem Vorknastleben ein musikalisches Wunderkind war. Hannah Herzsprung spielt diese junge Wilde mit der verletzten Wut und Scheu eines Straßenköters. Wer ihr zu nahe kommt, wird gebissen; dabei schreit die Liebes-Sehnsucht aus dem zerrupften Fell. Der Widerspenstigen Zähmung übernimmt  Monica Bleibtreu in der Rolle der Klavierlehrerin, die Jenny zur Disziplin ruft. Wer sein Talent verschwendet, versündigt sich. Raus aus der Egozentrik, ran ans Klavier. „Regel Nr. eins: Sei demütig. Es geht nicht um dich.“ Jenny ahnt, dass das Klavier und die Lehrerin ihre Rettung sein können, aber es wird viele Ringkämpfe – verbale und körperliche – geben, bis sie am Ende am Flügel sitzt und Seelen und Wände zum Beben bringt. 

 

Wenn Jenny in der an Ausdrucksfülle und Inbrunst nicht zu überbietenden Schluss-Sequenz die befreiende Kraft der Musik beschwört, dann entfacht sich im Zuschauerraum glühende, fast religiöse Ekstase.  In Zeiten der heruntergedimmten Gefühle und säkularisierten Verzagtheit erlöst der Film mit einer frohen Botschaft. Es gibt Dinge die überlebensgroß sind und sich der Verhandlungsgesellschaft entziehen: Das Talent und die Macht der Liebe.

Hannah Herzsprung, eine kleine Person mit großer Kraft, mit Augen, die immer etwas verquollen wirken, verweint vom aussichtslosen Kampf mit der Welt, prägt diesen Film und verleiht ihm auch dann Wahrhaftigkeit, wenn die Regie ihr eine Zirkusnummer vorschreibt: In einer Szene  tritt Jenny mit Handschellen gefesselt rückwärts ans Klavier und hämmert  im Affenzahn einen Rock´n´Roll in die Tasten – das  wirkt allerdings höchstens vom Biedermeiersessel aus rebellisch.

In seinem Erstling  „Scherbentanz“ hat Chris Kraus eine Welt voller Existenzängste entworfen. Ein verstörender Albtraum, der auch im Abspann nicht abklingt. Mit „Vier Minuten“ hingegen schenkt er dem Publikum einen Traum. Er beschwört eine Welt, in der die Musik Seelen rettet und das Erleben der Kunst ein läuterndes ist. 

Keine Frage: Chris Kraus hat virtuos auf der Klaviatur des Melodrams gespielt und seine Schauspielerinnen fluten die Leinwand mit ihrer Energie. Aber wie nachhaltig ist dieser Energy-Cocktail? Eigentlich bietet er nur Seelenfutter für eine Rebellion light. Alle real existierenden Probleme sind weit weg, da lässt sich gut „allons enfant“ rufen. Aber kurz nach den Schlusstiteln schrumpelt die Euphorie dann schnell wieder zusammen.

Sandra Vogell

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Jenny von Loeben war einst am Klavier ein Wunderkind. Dann wurde sie, auch von ihrem Vater missbraucht, zur Mörderin, brachte den Vater ihres Freundes um. Jetzt sitzt sie im Gefängnis – unberechenbar und gewalttätig.

Die alte Traude Krüger gibt bereits seit ungefähr 60 Jahren Gefangenen Klavierunterricht. Sie will Jenny überreden, an einem Wettbewerb teilzunehmen.

Jenny ist so brutal, dass sie den Justizangestellten Mütze schwer verletzt. Mit ihrer Mitgefangenen Ayse versteht sie sich nicht. Bei einem Freigang zu einem Vorspiel flieht sie. Das Verhältnis zu ihrem Vater ist katastrophal.

Traude Krüger trug all die Jahre eine schwere Last mit sich herum. Während des Zweiten Weltkrieges verriet sie eine Kommunistin, obwohl diese ihre Geliebte gewesen war. Das Gefühl von unabtragbarer Schuld und ungelebtem Leben hat sie all die Jahrzehnte in dem Gefängnis, dem Ort ihrer verlorenen Liebe, festgenagelt.

Jenny gewinnt den Wettbewerb mit einem furiosen Vortrag. Doch die Polizei wartet schon. Sie muss wieder ins Gefängnis, weil sie sich erneut unerlaubt entfernt hatte. Zu ihrem entscheidenden Wettbewerbsvortrag erhielt sie eine Frist von „Vier Minuten".

Ein glänzend geschriebenes Drehbuch, bei dem lediglich die der Vergangenheit zugeordneten Passagen erheblich zu kurz kommen. Musikalisch ist der Film ein Genuss, die Kamerafrau Judith Kaufmann hat einmal mehr gute Arbeit geleistet.

Die Darsteller Richy Müller, Jasmin Tabatabai, Vadim Glowna, Nadja Uhl und Sven Pippig rahmen hier ein Schauspielerpaar ein, das in diesem Film Furore macht: Hannah Herzsprung und Monika Bleibtreu. Neben auch milderen Nuancen und gütlichem Umgang spielt die Herzsprung ihre Gewaltausbrüche explosionsartig, aber immer unter Kontrolle und überzeugend. Eine tolle Leistung – übrigens auch in den Stunts. Sie bringt „die Leinwand zum Beben“ schrieb Variety. Dem kann man nur zustimmen.

Daneben gemessen, abgeklärt, ruhig, wunderbar und ebenso überzeugend Monika Bleibtreu. Die Herzsprung und die Bleibtreu sind in diesem Film so etwas wie eine Sternstunde der Schauspielkunst.

Darf in keinem Filmkunsttheater und keinem Programmkino fehlen.

Thomas Engel