Vincent will Meer

Ein an Tourette erkrankter junger Mann, eine rebellische Magersucht-Patientin und ein Zwangsneurotiker unternehmen in der deutschen Tragikomödie „Vincent will Meer“ einen abenteuerlichen Road Trip. Hauptdarsteller Florian David Fitz schrieb das Drehbuch, Ralf Huettner („Die Musterknaben“) übernahm die Regie. Herausgekommen ist dabei ein mitunter etwas oberflächlicher Film, der aber als feel-good-Stück funktioniert und durch liebenswerte Charaktere und einen unverkrampften Umgang auch mit ernsten Themen besticht.

Webseite: www.constantin-film.de

D 2009
Regie: Ralf Huettner
Drehbuch: Florian David Fitz
Produktion: Harald Kügler, Viola Jäger
Darsteller: Florian David Fitz, Heino Ferch, Karoline Herfurth, Johannes Allmayer, Katharina Müller-Elmau
Kinostart: 22.4.2010
Laufzeit: 91 Minuten
Verleih. Constantin
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Noch einmal das Meer sehen. Das ist der größte Wunsch von Vincents Mutter. Da gibt es nur ein Problem. Vincents Mutter ist erst vor wenigen Tagen verstorben. Und der Sohn (Florian David Fitz), der an Tourette erkrankt ist, wird vom Vater (wunderbar überdreht: Heino Ferch) umgehend in eine Klinik eingewiesen, wo sich Spezialisten um den Jungen kümmern sollen. Vincent beugt sich zunächst eher widerwillig dem väterlichen Druck. Im Therapiezentrum angekommen trifft er das erste Mal auf die rebellische Marie (Karoline Herfurth) und den eigenbrötlerischen Alexander (Johannes Allmayer). Mit letzterem teilt sich Vincent zudem ein Zimmer – sehr zu dessen Leidwesen.

Eines Nachts überredet Marie Vincent zu einem abenteuerlichen „Fluchtversuch“. Mit dem gestohlenen Auto ihrer Therapeutin soll es nach Italien gehen – genauer ans Meer. Zusammen mit Vincents Mitbewohner, der die Ausreißer im letzten Moment verraten wollte, brechen die beiden kurzerhand zu einer Fahrt ins Ungewisse auf. Für Vincents Vater, einen Vollblut-Politiker, kommt der spontane Italien-Trip des Filius zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Es ist Wahlkampf. Negative Schlagzeilen gilt es daher um jeden Preis zu verhindern. Zusammen mit der Klinikpsychologin Dr. Rose (Katharina Müller-Elmau) nimmt er schließlich die Verfolgung des ungewöhnlichen Trios auf.

„Vincent will Meer“ verknüpft die Dramaturgie eines klassischen Road Movies mit der einer konfliktreichen Vater-Sohn-Geschichte und einer zumindest im Kino bislang weitgehend unbeachteten Krankheits-Biographie. Tourette ist vor allem für Außenstehende ein Problem, weil sie nicht wissen, wie sie auf die motorischen und verbalen Ticks reagieren sollen. In dieser Hinsicht plädiert der Film von Beginn an für einen entspannten, vorurteilsfreien Umgang mit der Erkrankung. Der Ton ist heiter, die Stimmung trotz des ernsten Hintergrunds vorwiegend positiv und lebensbejahend. Es ist erlaubt, ja sogar gewünscht, dass man lacht, wenn Vincent, seine Ticks und die meist unvorbereitete Umwelt aufeinander treffen. Der Witz geht dabei nicht auf Kosten des Erkrankten sondern allenfalls auf die seines Gegenübers. Auch in die Falle, das Tourette-Syndrom als komödiantisches respektive tragisches Kuriosum auszustellen, tappt der Film zum Glück nicht.

Regisseur Ralf Huettner gilt spätestens seit „Die Musterknaben“ als Spezialist für sympathische Loser und Anti-Helden. Bei „Vincent will Meer“ – eine Auftragsarbeit – verfilmte er ein Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz. Dessen Skript mangelt es bei aller Wertschätzung für seinen trotzig-mutigen Titelhelden an einer eigenen Handschrift. Sowohl die Road-Movie-Konstellation mit dem eher symbolischen Ziel als auch die schicksalhafte Begegnung unterschiedlicher Charaktere diente bereits zahlreichen Produktionen wie „Knocking on Heaven’s Door“ als Aufhänger für die eigene Geschichte. Die Tourette-Thematik, zumal sie nicht wirklich vertieft wird, kann dieses Originalitätsdefizit nur bedingt ausgleichen. Akzeptiert man erstmal den Déjà-vu-Effekt, so funktioniert „Vincent will Meer“ aber zumindest in den Grenzen eines gut gespielten Feel-Good-Stücks.

Marcus Wessel

Ein spezieller Film. Er handelt von fünf Personen, von denen jede – mehr oder minder unbewusst – ihr Kreuz zu tragen hat.

Vincent, der am Tourette-Syndrom (nervöse Zuckungen und verbale Ausbrüche) leidet, dessen Mutter, eine Alkoholikerin, gerade verstorben ist und der deshalb von seinem gestressten und sich wichtig nehmenden geschiedenen „Geschäftsmann“-Vater in ein Rehabilitationszentrum gesteckt wird.

Marie, die in demselben Zentrum lebt und schwer an Magersucht erkrankt ist.

Alexander, ein Zwangsneurotiker und Vincents Zimmernachbar, ein sympathischer Reinlichkeitsfanatiker, der nicht gestört werden will.

Dr. Rose, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Marie zu heilen, damit allerdings wenig Erfolg aufweisen kann.

Nicht zu vergessen Vincents Vater.

Nach einem Streit in der Klinik beschließen Marie und Vincent zu fliehen. Vincent will nach Italien ans Meer, wo seine Eltern einmal kurz glücklich waren. Er hat die Asche seiner Mutter bei sich.

Alexander ertappt die beiden Fliehenden und würde sie verpetzen, wenn nicht auch er mitgenommen würde.

Die Haupthandlung besteht aus der Reise der drei sowie aus der Schilderung der schwierigen Beziehungen zwischen ihnen. Wären die Beteiligten „gesund“, käme vielleicht ein gelungener Trip zustande, so aber verläuft die Tour eher abschreckend.

Vincents Vater und Dr. Rose spüren die Ausreißer auf, verlieren sie wieder, kommen am Ende doch mit ihnen zusammen.

Bei Marie ist es soweit. Sie erleidet einen Zusammenbruch. Sie kann gerettet werden, und es sieht so aus, als wäre durch die halb unfreiwillige Reise eine Katharsis eingetreten, die das seelische Gleichgewicht der Beteiligten ein Stück weiterbringt.

Der Autor und der Regisseur sprechen u. a. von einer Komödie, doch im Grunde handelt es sich um ein reines Psycho-Stück, für das man Interesse mitbringen muss. Immerhin werden in plausibler Weise alltägliche psychische Situationen von „Gesunden“ und „Kranken“ ausgebreitet, ist das Ganze mit einer gewissen Spannung versehen und von Karoline Herfurth (Marie), Katharina Müller-Elmau (Dr. Rose), Heino Ferch (Vincents Vater), Florian David Fitz (Vincent, auch Drehbuchautor) und Johannes Allmayer (Alexander) sauber dargestellt.

Thomas Engel