Vollblüter

Cory Finleys „Vollblüter“ ist Debüt und Abschied zugleich. Für den 28-jährigen Filmemacher könnte die Young-Adult-Satire der Einstieg ins ganz große Hollywoodbusiness bedeuten. Für Nebendarsteller Anton Yelchin hingegen stellt die Tragikomödie den Abschluss einer aussichtsreichen Schauspielkarriere dar: Der gebürtige Russe starb einige Wochen nach Beendigung der Dreharbeiten. Nun kommt der Film endlich auch in die deutschen Kinos – ein Triumph!

Webseite: upig.de

OT: Thoroughbreds
USA 2017
Regie: Cory Finley
Darsteller: Olivia Cooke, Anya Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift, Kaili Vernoff
Länge:  92 Minuten
Verleih: Universal Pictures
Kinostart: 9. August 2018

FILMKRITIK:

Zu Schulzeiten waren Lily (Anya Taylor-Joy) und Amanda (Olivia Cooke) beste Freundinnen, eh sie sich durch den frühen Tod von Lilys Vater aus den Augen verloren. Umso überraschter ist Amanda, als ihre ehemalige Seelenverwandte eines Tages unvermittelt auf ihrer Matte steht und behauptet, ihr Nachhilfe geben zu wollen. Amanda ahnt nicht, dass ihre Mutter Lily zu dieser Verabredung überredet hat, um die Freundschaft der beiden Mädchen wieder neu zu entfachen. Tatsächlich entwickelt sich aus diesem unfreiwilligen Treffen eine emotionale Beziehung, die die beiden Mädchen wieder viel Zeit miteinander verbringen lässt. Eines Nachmittags verrät Amanda ihrer Freundin schließlich ein großes Geheimnis: Das Mädchen ist nicht in der Lage, Emotionen zu empfinden und weiß nicht, wie es sich anfühlt, glücklich, traurig oder wütend zu sein. Lily ist das genaue Gegenteil: Sie reagiert schon auf kleinste Veränderungen mit emotionalen Schwankungen und nimmt das Verhalten ihrer Mitmenschen ganz genau wahr. Als ihr Stiefvater Mark (Paul Sparks) eines Tages droht, Lily ins Internat zu schicken, wird aus der spontanen Idee, ihn umzubringen, nach und nach ein genauer Plan. Sie wollen den Drogendealer Tim (Anton Yelchin in seiner letzten Rolle) dazu bringen, den Mord zu begehen und gehen dafür bis zum Äußersten…

Der Filmtitel „Vollblüter“ leitet sich von dem Temperament der gleichnamigen Pferde ab. Die vor allem auf der Rennbahn anzutreffenden Tiere sind hochsensibel, elegant und heißblütig, gleichzeitig aber auch robust und genügsam. Das sind alles Attribute, die auch auf die beiden in den Tag hineinlebenden, luxusverwöhnten Frauen zutreffen, um die sich in dem Film alles dreht. Gleichzeitig spielen auch die Tiere selbst eine symbolische Rolle, über die wir an dieser Stelle jedoch nicht allzu viel verraten wollen. Direkt in der ersten Szene sehen wir zumindest ein Mädchen und ein Pferd, Stirn an Stirn gegenüberstehen – eine an Harmonie kaum zu übertreffende Szene, die jedoch mit einem Schlag beendet wird, als die Kamera andeutet, dass das Leben des Tieres durch ein Messer im nächsten Moment ein abruptes Ende finden wird. Cory Finley, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, spielt frühzeitig mit den Erwartungen des Publikums und sorgt so dafür, dass man die beiden Protagonistinnen von Anfang an nur schwer einschätzen kann – schon wenig später kommt raus: Tatsächlich war es eines der Mädchen, das ihr verkrüppeltes Reitpferd mit dem Messer niedergemetzelt und dabei nicht die kleinste emotionale Regung verspürt hat.

Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema des Films wären: Amanda und Lily, herausragend ätzend und trotzdem immer noch sympathisch von Anya Taylor-Joy („Split“) und Olivia Cooke („Ready Player One“) gespielt, sind zwei Mädchen aus wohlhabenden Elternhäusern, die den ganzen Tag abhängen und dabei bedeutungsschwanger über das Leben sinnieren. Doch in Wirklichkeit stecken die auf den ersten Blick so oberflächlichen jungen Frauen voller unterschwelliger Gelüste und wissen ganz genau, was sie wollen. Das Problem: So richtig aus ihrer Haut können sie beide nicht. Der Einen ist es gleichgültig (Amanda fühlt nichts), die Andere (Lily fühlt alles) geht daran fast kaputt. „Vollblüter“ zeigt, was passiert, wenn auf das permanente Zusammenreißen schließlich das Loslassen folgt – aller Konsequenzen zum Trotz.

Bis ebendiese Konsequenzen zutage treten, wendet Corey Finley viel Zeit dafür auf, seine beiden, den Großteil des Films allein bestreitenden Protagonistinnen bei langen Gesprächen zu zeigen. Nicht alles davon ist besonders aussagekräftig. Manchmal albern sie auch einfach nur herum, oder lassen sich zu oberflächlichen Gedankenspielen hinreißen. Gleichzeitig hat jedes einzelne Wort den Wert eines Puzzleteils, die der Regisseur im Rahmen von vier unterschiedlichen Kapiteln nach und nach zusammenfügt. „Vollblüter“ ist trotz seines dramaturgischen Aufbaus, dessen Höhepunkt ein zuvor lang geplantes Gewaltverbrechen ist, kein bloßer Thriller, sondern in erster Linie ein Charakterdrama, das auch davon lebt, die Hauptfiguren einfach nur beim „Sein“ zu zeigen. Und das muss auch so sein, denn die große Gefühlsregungen bleiben bei diesen beiden Grazien nun mal aus und so muss man sich eben anhand anderer Details sein Bild von ihnen machen.

Das besagte Verbrechen ist nicht bloß der erzählerisch wichtigste Moment im gesamten Film. Der Moment, in dem schließlich Nägel mit Köpfen gemacht werden (so viel können wir verraten: Der eigentlich von den beiden Mädels angeheuerte Mörder, den Anton Yelchin („Green Room“) mit einer bemerkenswerten Diversität verkörpert, hat letztlich doch nicht den Mumm, den verhassten Stiefvater um die Ecke zu bringen), gehört zu den brillantesten Szenen des aktuellen Kinojahres und katapultiert Corey Finley direkt mit an die Spitze der aufregendsten Neu-Regisseure unserer Zeit. Das hat auch viel mit der Optik zu tun: „Vollblüter“ ist in seiner visuellen Geradlinigkeit und dank eines genauen Blicks für Proportionen und Bildaufteilung (Kamera: Lyle Vincent, „A Girl Walks Home Alone at Night“) von Anfang an ein spektakulärer Film. Später lässt Finley den blutigen Exzess im Off stattfinden – also jene Szene, auf die er eineinhalb Stunden lang hingearbeitet hat. Dadurch animiert er den Zuschauer nicht bloß selbst dazu, sich das Grauen vorzustellen, er verlangt zwangsläufig auch, sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, was bis zu diesem Punkt alles passiert ist, sodass man sich grob ein Bild davon machen kann, wie weit das Mädchen außerhalb unseres Blickfeldes da wohl gerade gehen dürfte. Als er das Szenario schließlich auflöst, hat er den ultimativen Thrill dadurch hervorgerufen, absolut nichts zu zeigen – denn das musste er nicht, er hat zuvor schon genug Indizien für das gestreut, was da vor sich geht.

Antje Wessels