Vom Kiez zum Kap

Zwei Freunde beschließen 2010, zur Fußball-WM nach Kapstadt zu fahren. 20.000 Kilometer von St. Pauli bis nach Südafrika mit einem betagten VW-Bus. Mutig? Ja, aber das ist nicht alles. Unterwegs im tiefsten Afrika dürfen die Fußballverrückten auf keinen Fall ein Spiel ihres Vereins FC St. Pauli verpassen… Regisseur Joachim Bornemann begleitet zwei hanseatische Lebenskünstler bei ihrem größten Abenteuer und versucht zu erklären: Was ist nur dran an am Kult um die Mannschaft vom Hamburger Kiez?

Webseite: www.vomkiezzumkap-film.de

Deutschland 2012
Regie und Buch: Joachim Bornemann
Länge: 87 Minuten
Kinostart: 11. Juli 2013
Verleih: Brown Sugar Films

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am Anfang stand buchstäblich eine Schnapsidee: Nach diversen Bieren beschlossen Kay Amtenbrink und sein Kumpel Bernd Volkens, per Auto zur WM nach Südafrika zu fahren. Als sie wieder nüchtern waren, fanden sie die Idee noch immer gut. Also kauften die Freunde einen achtzehn Jahre alten VW T3, der schon über 342.000 auf dem Buckel hatte. Was sie allerdings nicht ahnen konnten: Ausgerechnet jetzt stand ihr Fußballklub FC St. Pauli kurz vor dem Aufstieg in die Erste Liga. Also kam eine weitere Herausforderung dazu: Würde es möglich sein, unterwegs alle verbliebenen Spiele im Fernsehen zu verfolgen? Sehr schnell sollte sich herausstellen, dass Kay und Bernd in Afrika mit anderen Dingen beschäftigt sein würden als mit Fußball.

Seine Premiere feierte „Vom Kiez zum Kap“ auf dem Filmfestival in Hamburg. Jetzt soll der Film mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne deutschlandweit in den Kinos starten. Er hat tatsächlich das Zeug dazu, ein Publikum auch außerhalb Hamburgs anzusprechen. Nicht nur gilt der FC St. Pauli in ganz Deutschland als Kult-Klub. Vor allem lockt die abenteuerliche Geschichte der beiden Freunde vom Kiez, die in ihrer Freizeit selbst bei den Alten Herren des Vereins kicken. „Vom Kiez zum Kap“ verdankt seinen Charme vor allem den charismatischen Hauptdarstellern.

Im Laufe des Films bekommen die beiden allerdings einen ernsthaften Konkurrenten. Immer stärker rückt der Bulli selbst in den Mittelpunkt der Geschichte. Der knall-orange Bus röhrt und kattert sich ins Herz der Zuschauer, wenn er über raue Pisten brettert, beinahe in tiefen Flussbetten steckenbleibt und nach einem Motorbrand sogar ganz den Geist aufzugeben droht. „Wir wollten Abenteuer, aber doch nicht so!“, sagt Bernd über die Strapazen, die auf der Strecke liegen. „Vom Kiez zum Kap“ ist immer dann am stärksten, wenn er die existenzielle Erfahrung beschriebt, die eine echte Abenteuerreise mit sich bringt.

Das Problem des Films ist, dass diese sehr starken Passagen sein Konzept sprengen. Regisseur Bornemann baut die Geschichte aus einer Parallelmontage, die Reise und Aufstieg von St. Pauli miteinander kontrastiert. Das funktionert, solange die Geschichten miteinander verquickt sind. In Äthiopien gelingt es Bernd und Kay tatsächlich in letzter Sekunde, ein entscheidendes Spiel im Fernsehen zu sehen. Beim nächsten aber arbeiten sie daran, ihren Bulli über einen Fluss zu bugsieren, während daheim die Fans feiern. Die Szenen aus Hamburg lenken jetzt eher ab und nehmen dem Film seine Energie. Das gilt vor allem, wenn Bornemann auch noch Szenen von der Hundert-Jahr-Feier des Vereins zwischenschneidet. Trotz kleiner Probleme mit dem Rhythmus bietet „Vom Kiez zum Kap“ aber allerbeste Doku-Unterhaltung, die mit viel Herzblut gemacht ist und sich selbst nicht über die Maßen ernst nimmt.

Oliver Kaever