Von Caligari zu Hitler

Seinen Titel leiht sich Rüdiger Suchslands Dokumentation "Von Caligari zu Hitler" zwar von Siegfried Kracauers berühmten Buch aus. Doch mehr als eine Bebilderung von Kracauers gewagter These ist Suchslands Filme eine Hommage an das Kino der Weimarer Republik, eine sehr persönliche Reise durch eine Ära, in der das deutsche Kino so wagemutig war wie nie zuvor – und leider auch nie wieder.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Rüdiger Suchland
Länge: 118 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 28. Mai 2015
 

FILMKRITIK:

1947 erschienen, argumentierte Siegfried Kracauer in seinem Buch "Von Caligari zu Hitler", dass die Schrecken des Nationalsozialismus sich schon im Kino der Weimarer Republik angedeutet hatten. Filme wie Friedrich Murnaus "Nosferatu", Wienes "Das Kabinett des Dr. Caligari" und besonders Fritz Langs "Dr. Mabuse" wurden da zu Studien der Bedrohung, zu Filmen über wahnsinnige, wahnwitzige Führergestalten, die die wirtschaftliche Not der Republik ausnutzten, um die Macht zu ergreifen.
Was einerseits ein kenntnisreiches Filmbuch ist, lebt andererseits von einer fragwürdigen These, die die deutsche Filmgeschichte so zugespitzt interpretiert, dass vieles zurechtgebogen oder vergessen werden musste, um sie plausibel erscheinen zu lassen. Inzwischen hat sich die Filmwissenschaft weiter entwickelt, wurden die Thesen zum Kino der Weimarer Republik vielschichtiger und vor allem weniger psychologisch behauptend.

Dennoch nimmt der Filmkritiker Rüdiger Suchslands Kracauers Buch und seine These als Ausgangspunkt für seinen Dokumentarfilm "Von Caligari zu Hitler", der allerdings im Kern – zum Glück – weniger ein Film über Kracauers These ist, als eine Hommage an das Kino der Weimarer Republik. Zwar bewegt sich auch Suchslands Narration entlang der Schlüsselwerke dieser Zeit – vom "Caligari" über "Nosferatu" bis hin zum Kollektivfilm "Menschen am Sonntag" und Langs "M" – doch die Versuche, diese Filme als geradezu tiefenpsychologische Analysen der deutschen Seele zu begreifen, bleiben die Ausnahme. Viel spannender, viel mitreißender ist der Film, wenn es konkret um die Filme geht, wenn in ausgezeichneten Bildanalysen die Filmsprache aufgezeigt, der Umgang mit Licht und Schatten bebildert, wenn schlicht und ergreifend gezeigt wird, wie originell, vielseitig und ambitioniert das deutsche Kino dieser Ära war. Eine große Liebe zum Kino ist hier zu spüren, zu den zahlreichen Bildern, Geschichten und Gesichtern, die das Kino der Weimarer Republik so besonders gemacht haben.

Bebildert ist dies mit hervorragend restaurierten Ausschnitten aus den schon erwähnten bekannten Filmen, aber auch aus zahlreichen weniger bekannten Werken, wie Robert Reiners "Nerven" oder Werner Hochbaums "Brüder". Hinzu kommen Dokumentaraufnahmen vom Leben in der Weimarer Republik, besonders aus Berlin, passend zu Kracauers Überlegungen zum Wesen des Flaneurs in der Großstadt. Mit Volker Schlöndorff, Fatih Akin, Thomas Elsaesser und Elisabeth Bronfen kommen Regisseure und Filmwissenschaftler zu Wort, die mit ihren kurzen Einwürfen aber eher den Fluss von Suchslands mäanderndem Kommentar stören, als wirklich Relevantes zu ergänzen.

Was auch immer man über Kracauers These denken mag: Rüdiger Suchslands Film heißt zwar wie das Buch, ist aber vor allem eine Hommage an eine Ära des deutschen Kinos, die in Punkto Originalität und Qualität zumindest hierzulande ihresgleichen sucht. Daran zu erinnern, auf all diese Filme neugierig zu machen, ist der größte Verdienst dieser Dokumentation.
 
Michael Meyns