Von glücklichen Schafen

Angesiedelt im deutsch-türkischen Milieu in Köln, erzählt Kadir Sözen in seinem Drama "Von glücklichen Schafen" von einer allein erziehenden türkischen Mutter, die als Prostituierte arbeitet, um ihren Kindern ein gutes Leben zu bieten. Bisweilen gelingt es Sözen dabei auf interessante Weise über Generationskonflikte zu erzählen, oft ist sein Film aber allzu plakativ und unfokussiert.

Webseite: www.filmfabrik.net

Deutschland 2014
Regie, Buch: Kadir Sözen
Darsteller: Elmas Narges Rashidi, Can Jascha Baum, Sevgi Marlene Metternich, Vedat Erincin, Benno Fürmann, Stefan David Hürten
Länge: 97 Minuten
Verleih: AF-Media/Filmfabrik
Kinostart: 16.3.2015
 

FILMKRITIK:

Elmas (Narges Rashidi) ist Mitte 30 und lebt mit ihren beiden Kindern Can (Jascha Baum) und Sevgi (Marlene Metternich) in Köln. Für die allein erziehende Mutter sind ihre Kinder wichtiger als alles andere, für sie ist sie bereit alles zu tun. Zu ihrem Vater (Vedat Erincin) hat sie ein gespanntes Verhältnis, der alte Herr lebt seit seiner Pensionierung und dem Tod seiner Frau allein, trinkt viel Raki und sieht seine Enkel nur selten. Warum das Verhältnis so gespannt ist, erfährt Can, als sein bester Kumpel Stefan (David Hürten) ihm zu seinem 16 Geburtstag ein besonderes Geschenk macht: Ein Besuch in einem kleinen, vom Zuhälter Klaus (Benno Fürmann) betriebenem Bordell. Doch statt seiner Entjungferung erlebt Can einen Schock: Plötzlich steht ihm seine Mutter gegenüber, die als Prostituierte arbeitet.

Mit einem Mal ist seine ganze, heile Welt zerstört, verliert er die Lust an allem, an der Schule, der mit Stefan gegründeten Band. Auch bei der Mutter wohnen will Can nicht mehr und zieht mit seiner Schwester zum Opa, der etwas irritiert, aber auch erfreut über den Besuch der Enkel ist. Währenddessen beginnt Elmas ihr Leben zu ändern, verlässt das Bordell, sucht sich Aushilfsjobs (unter anderem als Putzfrau in einer Kirche) und hofft darauf, dass ihr Sohn ihr verzeiht. Doch bevor es soweit ist brennt Can in einem Anfall von Wut das Bordell nieder – mit schwerwiegenden Folgen.

Die glücklichen Schafe des Titels sind die beiden deutsch-türkischen Kinder, die von ihrer Mutter behütet aufgezogen werden, mit allen Möglichkeiten eines gutbürgerlichen Lebens,  aber auch unter der Fassade von zahlreichen Lebenslügen. Auch über seinen Vater lässt Elmas Can lange im unklaren, erzählt ihm von einer großen, unglücklichen Liebe, bis ihr notgedrungen schnell erwachsen werdender Sohn sie anschreit: "Keine Märchen mehr!" In solchen Momenten erzählt "Von glücklichen Schafen" viel über das Aufwachsen zwischen den Kulturen, den Versuch der zweiten Einwanderer-Generation, ihren Kindern, die noch stärker in der deutschen Kultur verhaftet sind, ein besseres Leben zu bieten. Gerade in den Szenen zwischen Enkeln und Opa findet Kadir Sözen viel Humor, werden die Unterschiede zwischen dem nur gebrochen deutsch sprechendem Opa und den in der deutschen Kultur aufgewachsenen Enkeln subtil gezeichnet.

Bedauerlicherweise beweist Sözen nicht immer ein solches Gespür für Zwischentöne und entwickelt seine Geschichte oft in groben, kaum glaubwürdigen Zügen. Um dramatische Effekte zu erzielen zwingt er seinen Figuren Handlungen auf, die allzu deutlich gewollt sind und zudem bisweilen befremdliche Moralvorstellungen verraten: So selbstbestimmt Elmas meist geschildert wird, entschuldigt sie sich doch fortwährend für ihre Fehler, schämt sich geradezu, als Prostituierte gearbeitet zu haben und lässt es selbst stoisch über sich ergehen, von Can brutal verprügelt zu werden, als wäre dieser Gewaltausbruch gerechtfertigt.

Zwischen traditionellen und modernen Moralvorstellungen bewegt sich "Von glücklichen Schafen" hier, zwischen dem Versuch einer Frau, Türkei und Deutschland in Einklang zu bringen. Doch nicht immer findet Sözen den richtigen Ton für seine Figuren, greift auf plakative Momente zurück, die immer wieder die interessanten Aspekte eines Films überschatten, der oft nicht genau zu wissen scheint, was er eigentlich erzählen will.
 
Michael Meyns