Vor der Morgenröte

Maria Schraders gelungenes Episodendrama spürt dem grausamen Bruch in Leben und Werk Stefans Zweigs nach. Den weit gereisten Kosmopolit und überzeugten Pazifist, einer der populärsten europäischen Schriftsteller, treibt die NS-Herrschaft in die Emigration. Zerrüttet vom „heimatlosen Wandern“ begeht der Weltbürger im brasilianischen Exil Selbstmord. In der scharfsinnigen Reflexion über Nationalismus und die Rolle des Intellektuellen in der Gesellschaft, überrascht Star-Kabarettist Josef Hader als sensibler Autor. Die szenisch besten Momente liefert freilich das Spannungsverhältnis mit der grandiosen Charakterdarstellerin und Fassbinder-Heroine Barbara Sukowa.

Webseite: www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Deutschland, Frankreich, Österreich 2016
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader
Darsteller: Josef Hader, Barbara  Sukowa, Mathias Brandt, André Szymanski, Aenne Schwarz, Charly Hübner, Stephen Singer.
Kamera: Wolfgang Thaler
Länge: 106 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 2. Juni 2016

Pressestimmen:

"Sternstunde des deutschen Kinos: Maria Schraders Drama 'Vor der Morgenröte' über die Exilzeit von Stefan Zweig ist ein Historienfilm mit drängenden Fragen an die Gegenwart. Einfach einer der besten Filme des Jahres."
Der Spiegel

FILMKRITIK:

„Alle die fahlen Roße der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt“, schreibt Stefan Zweig, der österreichische Schriftsteller, Erzähler, Lyriker und Essayist aus dem jüdischen Bildungsbürgertum in seinem großen Epochenporträt „Die Welt von Gestern“. Auf der Flucht vor Hitler landet er als einer der letzten bedeutenden Realisten der deutschsprachigen Literatur in Brasilien. Sein brennender Wunsch: die Schaffung eines humanistischen Grundverständnisses in Europa, das bis in die Politik reichen sollte. Dadurch hoffte der überzeugte Pazifist dem Terror des Nationalistischen zu stoppen.

Rio De Janeiro, August 1936. Große Gesellschaft im exklusiven Jockey-Club. Die Haute Volée empfängt Stefan Zweig (Josef Hader) wie einen Staatsmann. Trotzdem fühlt sich der 54jährige am anderen Ende der Welt als wehrloser, machtloser Zeuge des Rückfalls in die NS-Barbarei. Gleichzeitig fasziniert ihn das tropische Paradies Brasilien, in dem ein friedliches Zusammenleben verschiedenster Rassen möglich scheint. Auf die Anfeindungen des antisemitischen NS-Regimes reagiert Zweig freilich mit einer Abkehr vom politischen Tagesgeschäft.

Als er sich einen Monat später auf dem Schriftstellerkongress  in Buenos Aires eindeutig gegen Hitler-Deutschland aussprechen soll, weigert er sich ein Land zu verurteilen. Ebenso wenig findet er den risikolosen Widerstand einer Gedenkminute für die verfolgten Künstler und Intellektuellen angemessen.„Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig“, beharrt er selbst dem jüdischen Journalisten Josef Brainin (Andreas Szymanski) gegenüber.

Einige Jahre später ist er mit seiner zweiten Frau Lotte (Aenne Schwarz), seiner ehemaligen Sekretärin,  immer noch heimatlos auf Vortragsreisen in Südamerika unterwegs. Dabei erlebt er nicht selten skurrile Situationen. Bald darauf begegnet der Geschiedene im winterlich-frostigen New York seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa) wieder, die ebenfalls fliehen musste. Lebenstüchtig und selbstständig ist sie das krasse Gegenteil der ihm treu ergebenen Jüngeren. Eine Partnerin auf Augenhöhe, die sich nicht scheut, ihm unangenehme Wahrheiten zu präsentieren.

Wenige Monate danach findet Zweig im brasilianischen  Petrópolis, einem Ort hoch in den Bergen des Hinterlands, 70 Kilometer von Rio entfernt, mit Fachwerkgiebeln zwischen tropischen Bäumen und Vierteln, die Bingen, Darmstadt oder Ingelheim heißen, eine neue Bleibe. Doch selbst dieses „tropische Semmering“ mit seiner gastfreundlichen Bibliothek und der frischen Bergluft kann auf Dauer den Schmerz der Heimatlosigkeit nicht vertreiben. Zusammen mit seiner jungen Frau begeht er im Februar 1942 Selbstmord. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht“, schreibt Zweig in seinem Abschiedsbrief.

Um diese tatsächlichen Ereignisse rankt sich der engagierte Episodenfilm. Überzeugend spielt der österreichische Star-Kabarettist Josef Hader den sensiblen, ambivalenten Schriftsteller, glänzt ohne jede Tendenz zum Overacting. Ein großer Sprung – auch für den Zuschauer – vom Kult-Kieberer Brenner der legendären Krimireihe, wo er scheinbar jede Nuance, vor allem den komödiantischen Sarkasmus seines Protagonisten, längst verinnerlicht hatte.

Besonders im Zusammenspiel mit der legendären Fassbinder-Heroine Barbara Sukowa entwickeln sich szenisch, unvergleichlich dichte Gefühlsmomente. Das ungewöhnliche Gespann funktioniert ganz prächtig. Denn der grandiosen Charakterdarstellerin gelingt es ihren Figuren eine ganz eigene Ausstrahlung zu geben. Ob als Fassbinders „Lola“ oder als von Trottas „Rosa Luxemburg“ bis hin zur deutsch-jüdischen Philosophin „Hannah Arendt“ – Anderssein und anecken, so lautet die Devise der einstigen Ikone des Neuen Deutschen Films immer wieder. Unangepasste, starke Frauen interessieren die Wahl-New Yorkerin mit deutschem Pass seit jeher.

Multitalent Maria Schrader nimmt nach ihrem furiosen Debüt mit der Romanverfilmung  „Liebesleben“ erneut auf dem Regiestuhl Platz. Und wieder geht die Berlinerin damit mutig ein künstlerisches Wagnis ein. Doch mit dem genialen Kameramann Wolfgang Thaler, der den Stil der österreichischen Ulrich-Seidel-Filme prägte, minimiert sich das Risiko. Seine kraftvoll pulsierenden Bildkompositionen vermitteln dem Zuschauer hervorragend, den quälenden Zwiespalt der Heimatlosigkeit im tropisch-brasilianischen Paradies. Nicht umsonst genießen die Österreicher im Filmkunstfach derzeit einen exzellenten Ruf.

Luitgard Koch