Vor mir der Süden

Eine schöne Idee: 1959 umrundete der Autorenfilmer Pier Paolo Pasolini („Medea“) die italienische Küste in einem klapprigen Fiat Millecento, sechzig Jahre später fuhr nun der renommierte Dokumentarist Pepe Danquart („Lauf Junge lauf“) dieselbe Route ab. Was hat sich seither verändert, wo liegen neue Schwerpunkte, Themen, Ansichten? „Vor mir der Süden“ ist ein multiperspektivischer Reisedokumentarfilm geworden, eine neunwöchige Entdeckungsreise, bei der die Vergangenheit als Blaupause hinter aktuellen Beobachtungen liegt.

Website: www.neuevisionen.de

Italien/Deutschland 2019
Drehbuch & Regie: Pepe Danquart
Laufzeit: 117 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinostart neu: 21.1.2021

FILMKRITIK:

Schon mit seinem Kurzfilm „Schwarzfahrer“ von 1994 gewann Pepe Danquart einen Oscar. Es folgten hoch gelobte Sportdokumentationen wie „Am Limit“ und das Politiker-Porträt „Joschka und Herr Fischer“. Der in Singen geborene Regisseur ist als Dokumentarist also sehr erfahren, was seinem neusten Film anzumerken ist. Das Thema des Reisefilms ist offener und zufallsgesteuerter als Danquarts bisherige Projekte – und doch gelingt es, aus der Idee einen atmosphärischen, handfesten Film zu montieren, der sich keineswegs als reine Huldigung an den 1975 ermordeten Meisterregisseur Pier Paolo Pasolini erschöpft. Danquart nutzt den Startimpuls für einen frischen Blick auf die seit den 1960er-Jahren veränderten italienischen Küstenregionen und der Menschen vor Ort.

Der Plan ist so simpel wie ergiebig: Im Sommer 1959 setzte Pasolini in einem Fiat Millecento zur Umrundung der italienischen Küste an. Pepe Danquart folgte nun sechzig Jahre später derselben, rund 3000 Kilometer langen Route von Ventimiglia über Sizilien bis Triest, begleitet von einem kleinen Kernteam und dem Kameramann Thomas Eirich-Schneider („Das Kongo Tribunal“). Der Plan sieht vor, die gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Umbrüche der letzten Jahrzehnte nachvollziehen. Wie sehen die Strände im Zeitalter des Massentourismus aus? Wie machen sich die Flüchtlingsbewegungen bemerkbar, wie der längst potenzierte Konsumismus? Kurzum: Wie denken und fühlen die Italienerinnen und Italiener viele Jahre nach Pasolinis Reise?

Im Vordergrund stehen die Menschen, die Danquart unterwegs trifft und die sich mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen zu verschiedenen Themen äußern. Danquart spricht mit Hoteliers und Barbesitzerinnen, mit Strandverkäufern oder Leuten, die Pasolini persönlich kannten. Oft sitzen oder stehen die Interviewten in Porträtbildern zusammen wie das Personal aus den Filmen von Ulrich Seidl, nur eben mit einer versöhnlich-heimeligen Note. Daneben spielt die Landschaft in den Regionen eine Rolle. Und natürlich ist der inoffizielle Ideengeber Pasolini in den Film eingeschrieben: Aus dem Off werden Einträge aus dessen Tagebüchern eingesprochen (Stimme: Ulrich Tukur), zudem sehen wir Archivbilder der ersten Reise in Schwarzweiß und auf Super-8, die im Zusammenklang mit den neu gefilmten Eindrücken eine weitere Bedeutungsebene erhalten. Die oft lang gehaltenen Einstellungen und Kamerafahrten, die auf der zweiten Reise entstanden sind, langweilen daher nie. Immer gibt es etwas zu entdecken, immer steht die Frage im Raum, wie es dort früher ausgesehen hat – und wie es wohl in einigen Jahren aussieht.

Durch die stimmige Montage der Elemente entsteht ein fluffig anzuschauendes, vielschichtiges Dokument. Pepe Danquart liefert mehr als die naheliegende Hommage an Pasolini, sondern wirft einen interessierten Blick auf Land und Leute. Vielleicht setzt in sechzig Jahren ja der oder die nächste Filmschaffende zur selben Reise an und komplettiert den Dreiklang. Anders als die berühmten Italienreisen von Goethe und co können moderne Reisende ihre Eindrücke audiovisuell festhalten – und da haben dann alle was davon.

Christian Horn



 

Italien ist Sehnsuchtsort der Deutschen seit Goethe. Auch Filmemacher Pepe Danquart bezeichnet sich als „italophil“ und verbringt Teile des Jahrs südlich der Alpen. Auf den Spuren des Filmemachers Pier Paolo Pasolini hat er jetzt eine dokumentarische Reise unternommen, um das Land noch besser kennenzulernen. In sinnlich betörenden Bildern begegnet er darin nicht nur der Schönheit des Meeres, sondern vor allem der sozialen Wirklichkeit – und damit auch Europa und uns allen. Ein Essayfilm, der Herz und Hirn erwärmt.

Ein Auto für Liebhaber: kastig, aber mit dem typischen Schwung italienischen Designs. Der Fiat „Millecento“, heute ein Oldtimer, galt vor 60 Jahren als eines der elegantesten Autos seiner Zeit. Die Kamera folgt ihm mit ehrfürchtigem Abstand oder konzentriert sich auf Details: Außenspiegel, Türgriff, Tachometer. Nur eines zeigt sie nie aus der Nähe und nie von vorn – den Fahrer. Mit einem solchen Wagen hatte der Autor und Filmemacher Pier Paolo Pasolini 1959 Italiens Küsten erkundet, 3000 Kilometer vom ligurischen Badeort Ventimiglia runter nach Sizilien und entlang der Adria wieder hinauf nach Triest. Es fällt nicht schwer, sich Pasolini am Steuer vorzustellen, zumal er in seinen Texten aus dem Off zu uns spricht.

Irgendwie begegnen wir dem 1975 unter mysteriösen Umständen Ermordeten also, und irgendwie auch nicht. Denn natürlich handelt es sich auch um Danquarts gegenwärtige Erfahrung. Der Filmemacher fährt mit seinem Team die damalige Strecke ab und begegnet Vielschichtigem. Nicht nur den hellsichtigen, nun Wirklichkeit gewordenen Prophezeiungen Pasolinis in seinem Reisebuch „Die lange Straße aus Sand“, beispielsweise über Afrika und die Migration. Sondern auch Arbeitern, Krämern und Fischern von heute, die ihre individuelle Sicht auf die Probleme des Landes schildern (zur Zeit des Drehs war Matteo Salvini Innenminister und starker Mann der Regierung). Oder das Filmteam stößt auf die sich zuspitzende Spaltung des Landes in den reichen Norden und den armen Süden. Und natürlich feiert es die einzigartige, durch nichts totzukriegende Schönheit der Küsten und des Landes.

Gefahr aber droht. Deshalb nimmt Kameramann Thomas-Eirich-Schneider den Tourismus ins Visier, in schaurig schönen Fahrten entlang endloser Sonnenschirm- und Liegen-Garnituren: Massen von Sonnenhungrigen dicht an dicht, in Coronazeiten wie von einem anderen Stern anmutend, und zugleich wie am Reißbrett geplant, industriell durchorganisiert, wie Leiber, die am Fließband durch die Konsummaschine geschleust werden.
Es ist ein Film geworden nicht nur zum Nachdenken, sondern vor allem für offene, neugierige Augen, die Lust haben am reinen Schauen, an Einstellungen, die aus sich selbst sprechen. Etwa im nächtlichen Hafen von Genua, wo Riesenarme Container durch die Luft bewegen, eine automatisierte Szenerie, in der sich die Warenströme wie von selbst organisieren, die Natur sich nur mit Blitz und Donner noch bemerkbar macht und der Mensch an den Rand gedrückt ist, aus der Ferne beobachtet und hinter vorbeifahrenden Güterwaggons verschwindend. Weiter unten im Süden dann ein anderes Bild: verrottende Schiffe zu Dutzenden, einfach zurückgelassen im Wasser, ein nie gesehener Friedhof.

„Vor mir der Süden“ ist als Mischung aus Reisebericht und Essay ein politischer Film im guten Sinn: zum Denken anregend, ohne Vorgaben zu machen, mit einem wachen Auge für das Konkrete, das für sich steht und nicht zum Symbol von Theorie degradiert wird. In seiner Hommage an Pier Paolo Pasolini stellt es Regisseur Pepe Danquart dem Zuschauer frei, die Verehrung des Intellektuellen für das „Lumpenproletariat“ entweder zu teilen oder für überholte Revoluzzer-Romantik zu halten. So viel Offenheit und Toleranz ist selten im deutschen Gremienfilm.

Peter Gutting