Vor uns das Meer

Nach Robert Redford in „All is lost“ (2013) macht sich nun auch Colin Firth einsam und alleine in einem Boot auf Weltumseglungstour. Den Zuschauer nimmt die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte mit auf eine sich parallel zueinander entwickelnde Reise der Hoffnung wie auch der eines Scheiterns. Colin Firth als Amateursegler Donald Crowhurst auf seinem Boot und Rachel Weisz als seine Frau daheim in England sehen der Wahrheit dabei auf ganz unterschiedliche Weise ins Auge.

Webseite: www.vorunsdasmeer.de

OT: The Mercy
Großbritannien 2018
Regie: James Marsh
Darsteller: Colin Firth, Rachel Weisz, David Thewlis, Ken Stott, Jonathan Bailey, Adiean Schiller, Oliver Maltman, Kit Connor, Eleanor Stagg, Andrew Buchan, Geoff Bladon
Länge: 112 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 29.3.2018

FILMKRITIK:

Eine Reise allein in einem kleinen Boot auf dem großen, unendlich erscheinenden Ozean, das ist ein Abenteuer, das an physische wie psychische Grenzen stoßen lässt. Wohin die Reise in diesem von James Marsh verfilmten Drama geht, zeigt schon der Vorspann. Colin Firth als Donald Crowhurst zitiert da zunächst den Mount Everest-Erstbesteiger Sir Edmund Hillary mit den Worten „Menschen entscheiden sich nicht, etwas Außergewöhnliches zu sein, sie wollen außergewöhnliche Dinge erreichen“. Der damals 35-jährige Crowhurst will das zunächst ganz banal in seiner Funktion als Familienvater und Ingenieur. Er hat ein Gerät entwickelt, dass Seefahrern eine genaue Positionsbestimmung auf See erlaubt. Als er es 1967 auf einer Touristikmesse, auf der Bikinigirls vor karibischer Fotokulisse Wasserskiabenteuer im Meerparadies vorgaukeln, vorstellt, interessiert das kaum jemanden. Dafür bekommt er mit, wie eine Zeitung einen Wettbewerb auslobt und nach einem mutigen Segler sucht, der allein und nonstop eine Weltumrundung wagt. 5000 Pfund sollen dem Sieger winken. Der scheinbar in einer Midlife-Krise steckende Crowhurst kann sie gut gebrauchen und wittert seine Chance, etwas Außergewöhnliches erreichen zu können.
 
Dass die Geschichte für den Amateursegler, der in seiner Selbsteinschätzung manchmal wirkt wie die britische Skispringerlegende Eddie The Eagle, nicht gut ausgehen wird, man ahnt es immer wieder. Weil das Boot –  ein Trimaran – nicht fertig wird, kommen Stress und Zeitdruck auf. Ein Sponsor wird nervös und erhält die Zusage, im Fall des Scheiterns Crowhursts Firma und das private Haus überschrieben zu bekommen. Und auch der PR-Berater (David Thewlis) fordert immer wieder auf, schlagzeilenträchtige Neuigkeiten über den Projektfortschritt an die Medien weiterleiten zu können. Schon da deutet sich an: bei einer Umkehr würde Crowhurst sein Gesicht verlieren – und darauf hat er Null Bock. Also fängt er an, falsche Positionsdaten nach Hause zu funken, die ihn als aussichtsreich im einsamen Wettrennen segelnden Teilnehmer wirken lassen. In der Heimat sorgt das für Euphorie, bei ihm führt es zu Depressionen. Ein Kämpfer wie Robert Redfords Figur in „All is lost“ ist dieser Crowhurst nicht.
 
Colin Firth schreibt den Zügen seiner überaus korrekten Figur – selbst als er in See sticht, trägt der Engländer noch Krawatte – diesen ständigen Wechsel zwischen Zuversicht und Zweifel, zwischen gelebter Stärke und innerer Schwäche auf beeindruckende Weise ein. Und er tut es später auch auf See, wenn sich Pannen ereignen und die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten. Fiebrige Träume ereilen ihn da in der Einsamkeit des weiten Meeres, plötzlich sind in Anlehnung an den Entstehungsbegriff der „Rossbreiten“ Pferde an Deck und kämpft Crowhurst mit seinem Gewissen, seiner Moral und der Sünde des Verschweigens. Auf der vom kürzlich in Berlin verstorbenen Isländer Johann Johannson gestalteten Tonspur (für die Filmmusik zu James Marshs Stephen-Hawking-Biopic „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ hatte er 2015 einen Golden Globe gewonnen) gehen solche Momente einher mit dem unheilvollen Knarzen der Takelage.
 
Der Kampf gegen die Unwägbarkeiten von Wind, Wetter und Wasser ist bei Marsh bis auf wenige Momente wie ein Sonntagsausflug in Szene gesetzt, aufwühlend sind die Zweifel des Gewissens und Gedanken an die Lieben daheim. Rachel Weisz erweist sich da auf dem Festland mit ihren vier Kindern als Fels in der Brandung. Die tapfere Mutter sieht den möglichen Konsequenzen des etwa sieben Monate dauernden Abenteuers realistisch ins Auge, ist trotzdem aber auch genervt vom Medienrummel. Immer wieder wechselt die von Beginn an in einem zeitgemäßen Look ausgestaltete Geschichte vom Meer ins beschauliche Teignmouth oder die Redaktionsstuben der Sunday Times, gelegentlich flackern Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit der Familie auf. Dokumentarisches vermischt sich da also mit Dramatischem, der Verlauf der Ereignisse ist klar gegliedert und lässt tief in die Seelen der Figuren blicken. Vor allem aber bleibt stets der Respekt spürbar, den Regisseur James Marsh und auch Colin Firth vor dem Menschen Donald Crowhurst hatten. Die ihm entgegengebrachte Sympathie segelt bis zuletzt mit.
 
Thomas Volkmann