W.E.

In Tom Hoopers „The King’s Speech“ war sie noch eine Randnotiz: die Romanze zwischen Edward VIII. und der Amerikanerin Wallis Simpson, für die der König abdankte und sein Land verließ. Madonna macht in ihrer zweiten Regiearbeit, dem Kostümfilm-Melodram „W.E.“, diese Wallis Simpson zu einer Vorkämpferin der Emanzipation, deren Geschichte einer jungen Frau im heutigen New York aus einer Lebenskrise hilft.

Webseite: www.senator.de

Großbritannien 2011
Regie: Madonna
Buch: Madonna, Alex Keshishian
Darsteller: Abbie Cornish, Andrea Riseborough, James D’Arcy, Oscar Isaac, Richard Coyle
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 21. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ihren ersten Film präsentierte die Pop-Ikone Madonna 2008 bei der Berlinale, und „Filth and Wisdom“, der es hierzulande niemals ins Kino schaffte, ließ die Kritiker erschauern: „Inept“, unbeholfen, lautete eines der am häufigsten geäußerten Verdikte der amerikanischen Kollegen, und: „style over substance“ – inszenatorisch aufgemotzt, aber inhaltsleer, sei die Komödie aus dem Londoner Bohème. Wie viel von alldem nur ein seltsamer Abwehrreflex gegen Regie führende Sängerinnen war, die damals auch noch mit dem sozusagen „echten“ Regisseur Guy Ritchie Tisch und Bett teilte, ist schwer zu sagen. In jedem Fall hatte Madonna es schon damals abgelehnt, sich erzählerisch wie ästhetisch lauwarmen Mittellösungen und dem Leichtverdaulich-Unterhaltsamen hinzugeben.

Was nicht heißen soll, dass man sich bei oder über „W.E.“ den Kopf zerbrechen müsste, der Film will den Zugang zu einer großen Liebesgeschichte für ein heutiges Publikum herstellen, indem er von einer heutigen Frau erzählt, die ihren Zugang zu dieser großen Liebesgeschichte gefunden hat: Die junge Wally Winthrop (Abbie Cornish) steckt fest in ihrer Ehe mit dem reichen Arzt William (Richard Coyle), der sie vermutlich betrügt. Sie hat ihre Karriere bei der New Yorker Filiale des legendären Auktionshauses Sotheby’s für William aufgegeben und wünscht sich nun ein Kind – und diesen Wunsch empfindet William als Druck, der ihn lustlos und, bisweilen, gar gewalttätig macht. Derweil werden bei Wallys ehemaligem Arbeitgeber Stücke aus dem Nachlass von Wallis Simpson (Andrea Riseborough) und Edward Windsor (James D’Arcy), dem ehemaligen König Edward VIII., versteigert. Im Dezember 1936 gab Edward Thron und Heimat zugunsten der Amerikanerin auf, und Wally, die nach Simpson benannt wurde, findet in den Exponaten die gleichwohl romantische Geschichte einer kämpferischen, selbstbestimmten Frau, die ihrer Zeit voraus war.

Madonna wollte vieles in ihren Film packen, ein schwelgerisches Kostümdrama, ein schmachtvolles Melodram, ein feministisches Statement. So verwundert es wenig, dass ihr bei all diesen Anliegen ein wenig die Leichtigkeit abhanden gekommen ist. Atmosphärisch gelingen dem deutschen Kameramann Hagen Bogdanski, der auch den Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“ fotografierte, vor allem im heute spielenden Teil durchaus eindrucksvolle Fahrten über all die kalten, glatt poliert-dunklen Oberflächen, in denen sich die New Yorker High Society spiegelt. Aber genau diese ambivalente Verliebtheit in die Oberfläche verhindert, dass die Tiefe der Einsamkeit und der Druck der Verhältnisse, unter denen beide Protagonistinnen leiden, wirklich greifbar werden.

Schwere und Ernst sollen gleichsam aus den Bildern herausgezwungen werden, die Perlen einer zerrissenen Kette fliegen da in Zeitlupe über die Leinwand, es gibt bedeutungsschwangere Blicke auf Details, auf Ringe, Broschen, die untere Hälfte eines Gesichtes mit rot geschminkten Lippen. Und die wunderbare Abbie Cornish, die schon in „Bright Star“ in einer historischen Liebesgeschichte brillierte, überzeugt zwar mit ihrer Präsenz, ihr nachdenklich wie traurig gesenkter, entrückter Blick macht sie selbst beinahe schon zu einem Wesen aus einer anderen Welt. Aber muss all das so offensichtlich kontrastiert werden mit der offenen, manchmal gar konfrontativen, amerikanischen „attitude“, die Andrea Riseborough wunderbar in Balance hält mit den tieferen Sehnsüchten ihrer Figur?

Es gibt Szenen, da phantasiert Wally einen Dialog mit der anscheinend lebensklügeren Wallis, sie gehören zu den schwächsten des Films. Und es gibt magische Momente wie den, in dem Wallis den Charleston tanzt, ausgeflippt in den 30ern, während Madonna dazu „Pretty Vacant“ von den Sex Pistols laufen lässt. Ein wenig mehr Anarchie hätte auch ihrem Film gut zu Gesicht gestanden.

Tim Slagman

Die Geschichte ist hinreichend bekannt. Und trotzdem hat sich Madonna Zusätzliches dazu ausgedacht – und erfunden. Die Kritiker hatten damals beim Festival von Venedig an dem Film einiges auszusetzen, doch so fraglich, wie sie ihn kommentierten, ist er bei weitem nicht.

Es geht um eine der Liebestragödien des 20.Jahrhunderts, um den britischen König Edward VIII. und die letztlich zweimal geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson. Die Leidenschaft des Mannes war so stark, dass er abdankte und sich nicht mehr in England aufhalten konnte. All seine Versuche, letzteres zu ändern, schlugen fehl.

Ein besonderer Aspekt Madonnas, der vielleicht bis jetzt wirklich zu sehr vernachlässigt wurde: Wallis Simpson gewann nicht nur, sondern sie verlor auch viel. Sie wurde gedemütigt, verspottet, davongejagt, isoliert. Das brachte neben der Berühmtheit, der Zugehörigkeit zur Haute Volée, der Liebe zu Edward oder neben dem Aufstieg in den Rang einer Herzogin oft auch tiefste Verzweiflung.

Mit vielen nachgestellten Szenen, Archiveinschaltungen, gesellschaftlichen Milieubeobachtungen, Schilderungen von Wallis’ mehr oder minder unglücklichem Vorleben sowie dramatischen politischen Aussagen und gutem Schauspiel wird das Leben der beiden gezeigt.

Parallel dazu erfand Madonna die Geschichte der jungen, Wally genannten New Yorkerin, deren Leben enge Bezüge zum Herzog und seiner Gattin hat. Schon benannt wurde sie nach Wallis (Simpson). Später (etwa 1998) arbeitet sie in London bei Sothebys, wo der Nachlass ihrer Idole versteigert wurde. Sie hielt sich, wann immer es ging, in den betreffenden Ausstellungsräumen auf. Dort lernt sie auch den vorübergehend als Wachmann beschäftigten ukrainischen Pianisten Evgeni kennen, der sich ihrer annimmt, als ihre Ehe mit einem gewalttätigen Mann immer unerträglicher wird.

Unerwartete, gewagte, aber durchaus mögliche Bezugnahmen zwischen den beiden Zeitebenen und Lebensschicksalen tauchen hier auf. Möglich, weil menschlich und filmisch sehr lebendig gestaltet und deshalb für den Kinozuschauer zur Teilnahme anregend und spannend. Die exzentrische und exhibitionistische Madonna erweist sich hier als originelle Regisseurin.

Mit den beiden Hauptdarstellerinnen – Abbie Cornish als Wally Winthrop und Andrea Riseborough als Wallis Simpson – hatte Madonna großes Glück. Erstere spielt ihr Filmleben dramatisch, letztere, vor allem dem Ende zu, das ihre so hoheitlich wie möglich. Beide fabelhaft.

Thomas Engel