Wagner & Me

Stephen Fry, Schauspieler, Schriftsteller und Komiker aus England, hat ein ganz besonderes Faible für die Musik von Richard Wagner. Auf seiner „Pilgerfahrt“ nach Bayreuth und zu anderen Orten auf dem europäischen Kontinent huldigt der sympathische britische Dandy seinem Idol. Doch der Enkel jüdischer Emigranten weiß auch, dass er diese Leidenschaft für Wagner mit Adolf Hitler teilt. So mischen sich in seinen Jubelgesang über den deutschen Komponisten und erklärten Antisemiten Richard Wagner auch kritische Töne. Seine Liebe zu Wagner, das macht diese begeisternde Dokumentation deutlich, lässt sich Stephen Fry aber auch von den Nazis nicht nehmen.

Webseite: www.filmkinotext.de

GB 2010
Regie, Buch und Kamera:Patrick McGrady
Länge: 89 Min
Format: englisches Original mit deutschen Untertitel
Verleih: FilmKinoText
Bundesstart: 21. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:

Eine fesselnde Doku… Eine sehr persönliche und berührende Musiklektion.
Stern


FILMKRITIK:

Seit Kindertagen ist Stephen Fry von der Musik Richard Wagner begeistert. Wie eine Naschkatze vor dem Bonbonladen steht der Brite vor den „heilgen Hallen“ des Bayreuther Festspielhauses, um nach all´ den Jahren endlich vor Ort und in den Tagen der alljährlich stattfindenden Festspiele seinem Idol nach Herzenslust huldigen zu können. Andächtig und voller Enthusiasmus streift er durch das imposante Gebäude. Mit Fry blickt der Zuschauer hinter die Kulissen, bekommt einen Eindruckt von dem Aufwand an Mensch und Material, der hier betrieben wird, um Wagners Werk, allen voran die Ring-Opern aufzuführen. Frys weihevolle Sightseeing-Tour führt ihn sogar zum Dirigentenplatz, wo einst der Meister persönlich in der damals revolutionären Pose mit dem Rücken zum Publikum den Taktstock schwang.

Die Begeisterung, mit der Fry sich Wagner nähert, wirkt jederzeit ehrlich und ist geradezu ansteckend, auch wenn man seine Einschätzung zu dem Genius nicht immer teilen muss. So wirkt Frys Aussage, dass Wagner den Pomp aus der Oper vertrieben hätte, angesichts der Bayreuther Realität wenig überzeugend. Die rosarote Brille kann man aber einem echten Fan wie Fry nicht verübeln, zumal er seine ganz persönlichen Wagnerfestspiele, die ihn u.a. zu Wagners Wirkungsstätten in die Schweiz und nach St. Petersburg führen, mit entwaffnendem Charme und einer gehörigen Portion britischen Humor an den Zuschauer bringt.

Ernster wird es dann, wenn der Brite auf die düsteren Seiten der Wagner-Welt zu sprechen kommt. Wagners unverhohlener Antisemitismus ist ebenso belegt, wie Hitlers Hang zu den Mythenbeladenen Meisterwerken. Vor der schaurigen Kulisse des Nürnberger Reichsparteitagsgelände, wo die Aufmärsche der Nazis damals mit Wagnermusik unterlegt wurden, geht Fry der heiklen Frage nach, ob Wagner vereinnahmt wurde, oder ein gewisses faschistisches Element seinem Werk innewohnt. Für sich selber hat Fry die Frage eher zu Gunsten des Komponisten entschieden, dessen persönlicher Antisemitismus in den Augen des Briten auch im Neid des anfangs chronisch mittelosen Wagner auf die damals führenden und wohlsituierten jüdischen Komponisten Mendelsohn and Meierbeerbegründet begründet liegt.

Der magischste Moment des Films ist dann wieder der Musik gewidmet. Fry wohnt einer Orchesterprobe für die Ringaufführung in Bayreuth bei. Mit glänzenden Augen und voller Ehrfrucht lauscht er als einziger Zaungast der Musik. Einer Musik, die in dem Film in einen historischen und politischen Kontext gestellt wird und dennoch für Wagner-Liebhaber wie Fry immer ihren zeitlosen Zauber behalten wird.

Norbert Raffelsiefen

An Richard Wagner scheiden sich die Geister. Es gibt Wagnerianer, die in den höchsten Tönen von ihm schwärmen, die jahrelang auf eine Eintrittskarte für Bayreuth warten, die ihren letzten Cent geben würden.

Und es gibt Gegner, die mit den Fünf-Stunden-Opern, mit dem Eia Popeia, mit den Mythen-Spielereien des 19. Jahrhunderts, mit dem „Lärm“ (sic) nichts anfangen können.

Das rechte Maß liegt wie oft irgendwo in der Mitte. Denn dass es in der Wagnerschen Musik betörende und ergreifende Passagen gibt, wird wohl niemand abstreiten wollen.

Der Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler Stephen Fry ist Wagnerianer mit Leib und Seele. Und deshalb drehte er einen schönen Film über sein Idol: über Wagners Lebensstationen, über seine Liebschaften und Ehen, natürlich über die Musik, über Wagners Wirken in Bayreuth, über die berühmten Festspiele, über das dortige Ambiente, über die Dirigenten, Regisseure und Sänger, über die Proben, über eine viel beachtete Wagner-Aufführung in Moskau.

Es ist rührend, wie der britische Filmemacher seine Begeisterung für Wagner schildert. Wie glücklich er ist, allem aus der Nähe zu begegnen: dem Grab, dem Grünen Hügel, einer Wagner-Nachfahrin, die seit einiger Zeit zusammen mit ihrer Schwester die Festspiele leitet, dem Archiv, dem reichen Fundus.

Er schämt sich seiner tiefen Bewegung nicht – warum auch? Selbst wenn viele meinen, sie sei übertrieben.

Stephen Fry ist Jude. Also steckt er in einem bitteren und fast unlösbaren Dilemma. Weil Wagner eine scheußliche antisemitische Schrift veröffentlichte. Und weil die Wagner-Familie zur Zeit des Dritten Reiches jahrelang mit Hitler persönlich rummachte.

Man sieht es Fry an, wie sehr er darunter leidet. Denn Der Fall wiegt schwer. Die meisten Israelis weigern sich noch heute, Wagner auch nur zu nennen, geschweige denn zu spielen und zu hören.

Das leidenschaftliche Bekenntnis eines Menschen zur Kunst Richard Wagners – in einem sehenswerten Dokumentarfilm dargestellt.

Thomas Engel