Walchensee forever

Beinahe 100 Jahre Familiengeschichte aus der Sicht von drei Frauen erzählt das vielfach preisgekrönte Kinodebüt von Janna Ji Wonders. Dafür taucht sie tief in die Biographien ihrer Mutter und ihrer Großmutter ein. Aus dieser auf den ersten Blick ganz normalen Familienchronik entwickelt sich scheinbar beiläufig und ohne jede Sentimentalität das Drama von drei Schicksalen, die eng miteinander verbunden sind.
Der Film ist eine sehr sehenswerte Reise in die Vergangenheit, die viel mit der Gegenwart zu tun hat und mit Fragen, denen sich früher oder später wohl jeder stellen muss: Was ist Heimat? Was bedeutet mir die Familie?

Preise/Auszeichnungen
2020 Berlinale, Kompass-Perspektive-Preis
2020 Bayerischer Filmpreis, Bester Dokumentarfilm
2020 Deutscher Kamerapreis, Kategorie Schnitt

Webseite: http://farbfilm-verleih.de/filme/walchensee-forever

Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie und Buch: Janna Ji Wonders
Kamera: Janna Ji Wonders, Sven Zellner
Musik: Markus Acher, Cico Beck
110 Minuten
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 28. Januar 2021

FILMKRITIK:

Seit 1920 existiert das Gasthaus am Walchensee – als Ausflugslokal gegründet und über viele Jahrzehnte geführt von Apa, einer ebenso energischen wie arbeitsamen Wirtin und Urgroßmutter der Dokumentarfilmerin Janna Ji Wonders. Apa übergibt die Geschäfte an ihre einzige Tochter Norma, die ebenfalls bis ins hohe Alter in der Küche steht. Norma verliebt sich in einen Künstler aus Norddeutschland, der sich nach dem Krieg von ihr trennt, wohl auch deshalb, weil ihr in seinen Augen das Gasthaus und die Mutter wichtiger sind als der Mann und die eigenen Kinder. Die beiden Mädchen, Antje und Frauke, wachsen ebenfalls am Walchensee auf, zeigen jedoch keine Neigung für die Gastronomie. Stattdessen zieht es sie in den 60er Jahren in die Ferne – als begabte Musikerinnen touren sie gemeinsam durch Mexiko und die USA, singend, jodelnd und Hackbrett spielend in ihren bayrischen Trachtenblusen, gerade rechtzeitig zur Flower Power-Zeit, als die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Hippie-Bewegung und Woodstock Amerika verändern. Frauke hat nach ihrer Rückkehr psychische Probleme, später wird sie Lehrerin und kommt Anfang der 70er Jahre bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben. Antje, genannt Anna, wird Fotografin. Sie reist weiter durch die Weltgeschichte, geht nach Indien und wieder in die USA, wo sie Jannas Vater Jazon kennenlernt. Das Heimweh bringt sie mit ihrer kleinen Tochter zurück an den Walchensee. Schon als Kind nimmt Janna die Kamera in die Hand, filmt und fotografiert ihre Mutter, die Großmutter und die Umgebung.

Lose zusammengehalten vom Walchensee als Ort der gemeinsamen Geschichte entfaltet sich eine Familienchronik, die gleichzeitig typisch und untypisch ist. Typisch, weil wohl in jeder Familie Freude und Trauer, Glück und Unglück dicht beieinanderliegen. Untypisch, weil es tatsächlich über einen Zeitraum von 100 Jahren Bildmaterial gibt und weil die Verbundenheit von mittlerweile vier Generationen hier praktisch für die Ewigkeit festgehalten wird und dabei nicht nur eine Familie gezeigt wird, sondern auch ein deutsches Provinzgeschichtsbuch des 20. Jahrhunderts. Inzwischen ist Janna selbst Mutter einer Tochter, die so etwas wie eine kindlich frische Brise in den Film hineinbringt. Angenehmerweise gelingt es Janna Ji Wonders, ihre eigene Biographie ohne Sentimentalität oder Eitelkeit mit der Handlung zu verknüpfen, auch wenn gelegentlich mal Tränen fließen. Geschickt arbeitet sie mit Dialogen, Briefen und Gesprächen, in denen hauptsächlich Anna und sie selbst zu Wort kommen.

Was zunächst so aussieht, als ob Janna die Gelegenheit nutzt, in einem sehr umfangreichen Fotoalbum zu blättern, entwickelt sich allerdings schnell zu einer differenzierten Auseinandersetzung über die Dinge des Lebens, die viel mit dem jeweiligen Zeitgeist zu tun haben. Da geht es um familiäre Pflichterfüllung, aber auch um die ständige Konfrontation mit Trauer und Verlust: Apa verliert eine Tochter durch die Spanische Grippe. Norma, das verbliebene Kind, wird zur Hoffnungsträgerin, stets bemüht, es der überkritischen Mutter recht zu machen. Später wird Norma ebenfalls eine Tochter verlieren: Die psychisch labile Frauke, die vorübergehend in der Psychiatrie leben muss, stirbt vermutlich durch Selbstmord. Ihr Tod liegt bis heute als Schatten über der Familie. Doch der Film zeigt eben auch die Stärke der Frauen, sich mit den jeweiligen Verhältnissen abzufinden, wie sie sich neu orientieren und sich, auch gegen Widerstände, Freiräume erobern. Dies wird besonders deutlich in der Gegenüberstellung Apa – Norma und Norma – Anna. Die Gastronomie ist für Apa eine selbstgewählte Pflichterfüllung. Norma hat keine Wahl, aber es ist für sie selbstverständlich, den Betrieb zu übernehmen und in Apas Sinne weiterzuführen. Dass darunter ihre Ehe und ihr Familienleben leiden, nimmt sie ebenso in Kauf wie die unsichtbaren Ketten, mit denen sie ihr Leben lang an das Wirtshaus am See gefesselt bleibt.

Umso verständlicher, dass ihre eigenen Töchter nach Unabhängigkeit dürsten. Die Kindheit in der Gastronomie erlaubt ihnen zwar kaum familiäre Geborgenheit, andererseits lässt ihnen Norma als Mutter mehr Freiheiten als der Vater, der als Maler in München lebt. Die rastlose Anna, die übersensible Frauke – ihre Wünsche und Träume werden zum Ausdruck einer Generation von jungen Menschen, die sich in den 60er Jahren immer stärker nach einem selbstbestimmten Leben sehnen. Die gemeinsamen schwesterlichen Träume lösen sich, laut Anna, erst dann schleichend auf, als Männer in ihr Leben kommen, von denen im Film nur sehr wenig zu sehen ist. Ehemänner bleiben weitgehend unsichtbar, andere Männer scheinen kaum zu existieren. Die einzige Ausnahme bildet Rainer Langhans, mit dem sowohl Anna als auch Frauke befreundet waren. Er trägt mit seinen Erinnerungen viel Zeitkolorit und 70er Jahre-Aufbruchstimmung in den Film. Ansonsten bleiben die Frauen unter sich, ihre Verbundenheit wird dabei umso deutlicher, je älter Norma ist. Am Ende wird sie 105 Jahre alt. Ein wunderschönes Bild zeigt die drei Frauen auf einer Bank: die winzige Oma Norma zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Drei Frauen am Walchensee, der für alle Drei zum Schicksalsort wurde.

Gaby Sikorski