Wall Street – Geld schläft nicht

Nach über zwei Jahrzehnten kehrt Gordon Gekko, der alerte Held aus Oliver Stones Klassiker „Wall Street”, auf die Leinwand zurück. Einmal mehr überzeugt der oscarprämierte Altstar Michael Douglas in der Hauptrolle. Nach einigen überraschenden Wendungen entdeckt die einstige Ikone der Finanzwelt in dem Sequel „Wall Street – Geld schläft nicht“ seinen Familiensinn. Dabei verbindet Politregisseur und dreifacher Oscarpreisträger Oliver Stone Wirtschaftskrisen-Story und Familiendrama perfekt zu intelligentem, unterhaltsamen Mainstream-Kino in subversivem Hochglanzformat.

Webseite: www.foxfilm.de

OT: Wall Street: Money Never Sleeps
USA 2010
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Michael Douglas, Shia LaBeouf, Carey Mulligan, Susan Sarandon, Frank Langella, Josh Brolin, Eli Wallach
Drehbuch: Allan Loeb
Kamera: Rodrigo Pietro
Länge: 134 Minuten
Verleih: Twentieth Century Fox
Kinostart: 21. Oktober 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Regisseur Oliver Stone gelingt es mit eindrucksvollen Bildern, seine Kritik an einem völlig aus den Fugen geratenen Börsen- und Finanzsystem auf die Leinwand zu bringen. Er führt den Zuschauer in die Hinterzimmer der Macht, in denen persönliche Animositäten 15.000 Jobs vernichten. Die Skyline von New York wird bei Stone zur Fieberkurve des Börsenhandels, und schwebende Seifenblasen bebildern platzende Finanzierungen und Luftbuchungen, die den Kunden als schillernde Geschäftsmodelle einst Stabilität und Sicherheit vorgegaukelt hatten.
ARD

FILMKRITIK:

„Gier ist gut“. Mit diesem rücksichtslosen Credo avanciert Finanzjunkie Gordon Gekko (Michael Douglas) in den flirrenden Achtzigern, samt seinen breiten Hosenträgern, zum Idol einer ganzen Generation von Brokern. Der Yuppie-Zeitgeist macht die Kultfigur aus „Wall Street“ zum Rockstar auf dem Börsenparkett. Sein Stil entwickelt sich zum Markenzeichen von Investmentbankern und steht gleichbedeutend für Coolness und Erfolg. Als der erste Teil von "Wall Street" damals in die Kinos kam und der arroganten Finanzwelt den Spiegel vorhielt, schien eine Steigerung ins Monströsere nicht möglich. Doch der Gier-Faktor multiplizierte sich.

Jahrzehnte später verlässt der ehemalige Master of the Universe, der König der Insiderhandels, Inbegriff des gerissenen Spekulanten, in der Fortsetzung, nach einer langjährigen Haftstrafe das Gefängnis. An der Pforte bekommt Gekko (Michael Douglas), das einst verführerisch elegante, gefährlich schillernde Reptil der Finanzwelt, sein klobiges Mobiltelefon aus den achtziger Jahren zurück, schwer wie ein Brikett. Außerdem eine goldene Geldklammer – ohne einen einzigen Cent. Insignien verlorener Macht. Unrasiert und aschfahl im Gesicht steht er vor dem Gefängnistor mitten in der Wirklichkeit des neuen Jahrtausends. Und keiner holt ihn ab.

Tochter Winnie (Carey Mulligan) hat lange schon mit dem Vater gebrochen. Grund: Sie gibt ihm die Schuld am Drogentod des Bruders. Die integere junge Frau lebt mit dem smarten Öko-Broker Jake (Shia Labeouf) zusammen. Im Gegensatz zu ihrem Vater agiert der Angestellte von Keller Zabel Investments idealistisch und setzt auf umweltfreundliche Energien. Doch plötzlich stürzt der Aktienkurs seiner Firma in den Keller. Gerüchte über Verbindlichkeiten in Millionenhöhe machen die Runde. Die Regierung verweigert ein finanzielles Hilfspaket. Die mächtige Investmentbank Churchill Schwarz übernimmt die angeblich marode Firma für einen Apfel und ein Ei. Drahtzieher des Deals: der sardonisch-schurkische, ausgefuchste Banker Bretton James (Josh Brolin).

Vergeblich kämpft Louis Zabel (Fred Langalla), Jakes Mentor für den Fortbestand seiner Firma. Gescheitert begeht der alte Mann am Morgen nach der „freundlichen Übernahme“ Selbstmord. Der Tod seiner Vaterfigur stürzt Jake in die Krise. Als er in der Fordham University einen Vortrag von Gordon Gecko hört, der für sein neues Buch „Ist Gier gut?“ Werbung macht, nimmt er Kontakt mit ihm auf. Denn der einstige Börsenhai läuterte sich offenbar im Gefängnis vom Saulus zum Paulus. Publikumswirksam schwört „Mr. Insider“ der Gier-Ideologie ab und warnt seine jungen Zuhörer vor dem „systemischen, globalen Krebsgeschwür“ namens Kapitalismus, dessen bevorstehender Zusammenbruch allein auf ihre Kosten gehe.

Oder will hier jemand, der offenbar wieder bei Null anfangen musste, nur möglichst viel Geld aus dem Verkauf seines Buches scheffeln? Diese Frage stellt Jake sich nicht. Er will sich einzig an Bretton James für den Absturz von Keller Zabel rächen. Dafür erhofft er sich von seinem Schwiegervater in spe Informationen. Schließlich war es der skrupellose Bretton James, der den ehemaligen Mayor Player einst verpfiff, um aufzurücken. Als Gegenleistung bietet er ihm Hilfe bei der Versöhnung mit seiner Tochter an. Ein Pakt hinter dem Rücken seiner Freundin. Ein Spiel mit dem Feuer, das Konsequenzen hat.

Es ist ein Genuss, Michael Douglas noch einmal in seiner Paraderolle zu sehen. Die Figur des Starschauspielers bleibt bis zum Schluss undurchsichtig und somit als Charakter, der voller selbstironischer Bezüge zum einstigen Original steckt, spannend. Virtuos spielt der 65jährige sein gealtertes Ego als Legende. Auch die vibrierende Energie, von damals, die von David-Byrne- und Brian Eno-Songs angereicherte Vitalität New Yorks, die rasanten Montagen im Zeitraffer und die temporeichen, sarkastischen Dialoge finden sich wieder. Freilich stehen familiäre Beziehungen und Entscheidungen stärker im Vordergrund als beim Vorgänger.

Trotzdem weist das Sequel auf die Perversionen des Finanzmarktes hin und erklärt im Schnellkurs auch dessen Krise. Nach der Internetaktien- und Immobilienkrise verspricht uns Politregisseur Oliver Stone einen Börsen-Hype in Sachen Umwelttechnologien, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Und feiert auch gleich das Ende des guten, alten Bankensystems, wie wir es kennen. „Der erste "Wall Street" hat nicht zuletzt“, glaubt der 63jährige „wegen der starken Vater-Sohn-Geschichte funktioniert“. Der zweite nun wohl nicht weniger aufgrund der Vater-Tochter-Beziehung. Denn der talentierte Shootingstar Carey Mulligan aus „An Education“ verleiht dem Verhältnis emotionale Tiefe und findet auch in intimen Momenten glaubwürdig die richtige Balance.

Luitgard Koch

Wall Street, der wichtigste Finanzplatz der Welt, der Titel eines Films von Oliver Stone aus dem Jahre 1987 und der Focus des Finanzzusammenbruchs des Jahres 2008.

Die Hauptfigur aus dem Stone-Film von 1987 taucht in „Geld schläft nicht“ wieder auf: Gordon Gekko, der wegen unlauterer Finanzmanipulationen acht Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Jetzt wird er – zu Beginn des Films – entlassen, aber der einst gefeierte Wallt-Street-Mogul ist allein, wird von niemandem erwartet. Vor allem Gekkos Tochter Winnie will mit ihrem Vater nichts mehr zu tun haben, weil er, so sagt sie, am Zusammenbruch der Familie schuld sei.

Nächster Schauplatz: die Finanzfirma Keller Zabel. Dort arbeitet Winnies Verlobter Jake Moore. Dem Unternehmen werden unsaubere Machenschaften angedichtet, der Aktienkurs fällt drastisch. Wahrscheinlich war Bretton James, Manager bei der Bank Churchill Schwartz, der Urheber der Gerüchte. Keller Zabel muss aufgeben, Churchill Schwartz übernimmt die Firma zu einem Bruchteil des wirklichen Wertes.

Gordon Gekko will wieder nach oben kommen. Er hält zunächst Vorträge. Die Quintessenz: Gier ist nicht nur gut, sondern legal. Jake Moore hört zu.

Er trifft sich mit Gekko. Der Deal: Jake wird darauf hinarbeiten, dass Winnie sich mit ihrem Vater versöhnt, Gekko wird Jake helfen, sich an Bretton James zu rächen, der ihm wegen des Niederganges von Keller Zabel Jakes Gewinnverluste und wirtschaftliche Nöte einbrachte.

Wird der Deal trotz Winnies Gegenwehr zum Tragen kommen?

Stones Film fällt in eine Zeit, in der die Finanzkrise alles andere als völlig überwunden ist – also der bestmögliche Zeitpunkt für „Wall Street – Geld schläft nicht“.

Obwohl der vorwiegend von amerikanischen Playern, Manipulatoren, Hochstaplern und Betrügern ausgegangene weltweite Zusammenbruch nicht das zentrale Thema darstellt, werden an dem Gezeigten doch viele der kriminellen Unsauberkeiten sichtbar. Insofern ist der Film bestes Anschauungsmaterial, auch wenn er vielleicht filmisch nicht so gelungen ist und möglicherweise nicht so einschlagen wird wie Stones erster Wall-Street-Streifen.

Und doch wird das neue Stone-Opus seinen Weg machen: weil der Regisseur sein dramaturgisches Handwerk versteht; weil er dreifacher Oscar-Preisträger ist; weil er in Shia LaBeouf einen guten Darsteller des Jake Moore fand; weil kein Geringerer als Michael Douglas erneut den Gordon Gekko spielt.

Dramatische menschliche Schicksale sowie Anschauungsmaterial zur amerikanisch heraufbeschworenen Immobilien- und Finanzkrise.

Thomas Engel