Wanja

Harsches, sozialrealistisches Kino aus Deutschland, das ist Caroline Hellsgard "Wanja", in dem Anne Ratte-Polle eine Frau spielt, die nach Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und an der Wiedereingliederung in die Gesellschaft scheitert. Stark gespielt ist das, dramaturgisch etwas überfrachtet und stilistisch meist karg, zunehmend aber durchsetzt von irritierenden, surrealen Momenten.

Webseite: www.basisfilm.de

Deutschland 2015
Regie & Buch: Carolina Hellsgard
Darsteller: Anne Ratte-Polle, Nele Trebs, Robert Viktor Minich, Marko Dyrlich, Michael Baderschneider
Länge: 87 Minuten
Verleih: Basis-Film Verleih Berlin
Kinostart: 9. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Wanja (Anne Ratte-Polle) versucht, ein neues Leben aufzubauen. Nach Jahren ist die gut 40jährige Frau aus dem Gefängnis entlassen worden, ein Banküberfall hatte sie hinter Gitter gebracht. Doch darüber spricht sie nicht, ohnehin verliert die spröde, in sich gekehrte Frau kaum ein Wort, kommuniziert so wenig wie möglich. Egal ob ihr Bewährungshelfer, ein Mitarbeiter im Arbeitsamt oder lose Bekanntschaften: Mit Menschen kann Wanja nach all den Jahren im Gefängnis nicht mehr viel anfangen.
Da trifft es sich, dass ihr erster Job in einer Tierhandlung ist, der aber rasch an einem missgünstigen Chef scheitert. Auf einem Pferdehof findet Wanja schließlich einen Praktikumsplatz und lernt die 16jährige Emma (Nele Trebs) kennen. Aus dem anfangs widerspenstigen Mädchen entwickelt sich bald Wanjas einzige Freundin, ein junges Double, zu dem die ältere bald eine Art Mutter-Tochter-Beziehung entwickelt. Doch die Freundschaft hat ihren Preis, denn Emma umgibt sich mit problematischen Menschen, trinkt zu viel, nimmt Drogen, droht, auf die schiefe Bahn zu geraten. So steht Wanja vor der Entscheidung, Emma beizustehen oder ihrem Vorsatz treu zu bleiben, nach ihrer Entlassung Problemen aus dem Weg zu gehen.

Spröde, unnahbar und introvertiert: Niemand anders als Anne Ratte-Polle mag man sich in der Rolle der Wanja vorstellen. Ähnliche Figuren hat Ratte-Polle schon oft gespielt, unabhängige Frauen, die versuchen, sich in einer von Männern dominierten Welt durchzuschlagen. Hier sind das Autoritätsfiguren, deren Anweisungen die nur unter Bewährung freigelassene Wanja folgen muss, so albern sie sich auch oft anhören. Dem Gestrüpp der Bürokratie zu entkommen, den Regeln zu folgen, sich nichts, aber auch gar nichts zu Schulden kommen zu lassen ist eine kaum lösbare Aufgabe. Zumal sie leichtes Opfer ist, im Zweifel gegen sie entschieden wird, es keine Gerechtigkeit gibt.

Lange hält Wanja dieses Spiel aus, versucht, sich von möglichen Problemen fernzuhalten, doch dann lernt sie Emma kennen. Nicht zum ersten Mal erlebt "Wanja" hier eine Wendung in ein anderes Genre, gerade in der zweiten Hälfte ihres Abschlussfilms an der Berliner Universität der Künste, überfrachtet die aus Schweden stammende Carolina Hellsgard die Geschichte mit allzu vielen Themen. Eigentlich unnötig, denn die zentrale Freundschaft zwischen Wanja und Emma, die teils Ersatz-Mutter-Tochter-Beziehung ist, teils Versuch Wanjas, sich wieder in die Gesellschaft einzufinden, wäre stark genug gewesen.

Zumal Hellsgard ihren anfänglich auch visuell ganz kargen Sozialrealismus zunehmend mit experimentelleren, surrealeren und auch interessanteren Bildern auflöst. Je näher Wanja dem Abgrund gerät, wieder anfängt zu trinken, später auch Drogen nimmt, um so flirrender werden die Farben, die Bilder, die bewusst verführerische Qualität haben und verhängnisvoll andeuten, wie schwierig es einer Frau wie Wanja fällt, sich nach Jahren der Isolation wieder der normalen Gesellschaft anzupassen.
 
Michael Meyns