War Of Art

Kaum ein Land beflügelt die Phantasie westlicher Filmemacher so sehr wie Nordkorea, die kommunistische Diktatur, die sich vehement abschottet, in der in den letzten Jahren jedoch eine ganze Reihe Dokumentarfilme gedreht wurden. Zu ihnen gesellt sich nun Tommy Gulliksens „War of Art“, der den Versuch eines kulturellen Austauschs beschreibt.

Webseite: www.missingfilms.de

Dokumentation
Norwegen/ Deutschland 2018
Regie: Tommy Gulliksen
Länge: 101 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 6. Juni 2019

FILMKRITIK:

Wie soll man mit einer autokratischen Diktatur wie dem Regime von Nordkorea umgehen? Es verdammen, mit den Säbeln rasseln und mit Sanktionen versuchen, Wandel zu erzwingen, wie es seit Ende des Koreakriegs die Politik der USA ist? Versuchen sanften Druck auszuüben, um ein klein wenig Beachtung der Menschenrechte zu bitten, wie es meist die Politik der EU ist? Folgt man dem norwegischen Künstler, Aktivisten und Filmemacher Morten Traavik gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit, nämlich die des kulturellen Austausches.
 
Seit Jahren reist Traavik regelmäßig nach Nordkorea und versucht mittels kultureller Verbindungen und Projekte, kleine Risse in die undurchdringliche Mauer der nordkoreanischen Ideologie zu schlagen. Sein aufsehenerregendster Coup war 2015 die Organisation eines Konzerts der slowenischen Rock-Legenden Laibach, den Traavik selbst in seinem Film „Liberation Day“ verewigte. In Tommy Gullisens „War of Art“ ist Traavik nun selbst Hauptfigur, unermüdlicher wenn auch letztlich gescheiterter Anführer einer Gruppe westlicher Künstler, die 2017 nach Nordkorea reisten und auf kulturellen Austausch hofften.
 
DMZ-Academy hieß das ambitionierte Projekt, das sich Traavik diesmal ausgedacht hatte, demilitarisierte Zone Akademie also, eine Anspielung an die schwerbewaffnete Grenze, die die beiden koreanischen Staaten trennt. Zehn Künstler, in erster Linie aus dem Westen, aber auch aus China, reisten zusammen mit Traavik nach Pjöngjang, wo sie auf nordkoreanische Kollegen treffen sollten, zusammen diskutieren und arbeiten sollten. Doch schon vom ersten Moment war das Projekt von Problemen geprägt, zeigte sich das Misstrauen von Seiten Nordkoreas in vielen kleinen Momenten und Schikanen. Allein die Utensilien der unterschiedlichen Künstler – von Malern über Sounddesigner bis zu Komponisten – durch den Zoll zu bringen, zerrte an den Nerven und so ging es weiter. Keinen Schritt konnten die Gäste tun, ohne von Aufpassern begleitet zu werden, die über alle außerplanmäßigen Bewegungen, jedoch nicht offiziellen Kontakt wachten und besonders die Kunstproduktion der Gäste mit Argusaugen betrachteten.
 
Kein Wunder, hatte Traavik doch bewusst vor allem Künstler eingeladen, die auch im Westen nicht unbedingt zum Mainstream gehören und deren Arbeiten selbst in der Heimat oft für Stirnrunzeln sorgen. So etwa der Franzose Jean Valnoir, der gern sein eigenes Blut für seine Kunst verwendet, aber auch schon mal menschliche Knochen als Basis benutzt. Oder die Britin Cathie Boyd, die zum Beispiel die schleichenden Bewegungen von Schnecken aufzeichnet, in Töne verwandelt und daraus ein seltsames Konzert entstehen lässt.
 
Kein Wunder, dass solche Kunst die nordkoreanischen Gastgeber über alle Maßen irritiert und den geplanten kulturellen Austausch nicht unbedingt erleichtert. Dieser gestaltet sich ohnehin kompliziert, die Sprachbarriere macht direkte Unterhaltung schwierig und ausgerechnet während des Aufenthalts der Gruppe führte Nordkorea einen weiteren Atombombentest durch, der das Gefühl der Unsicherheit noch verstärkte.
 
Ein Dokument des Scheiterns ist dadurch Tommy Gullisens „War of Art“, ein Film, der die Schwierigkeit zeigt, Menschen solch diametral entgegengesetzter Systeme zusammenzubringen. Nur selten entstehen zwischen den Künstlern Momente des wirklichen Austausches, vor allem das gemeinsame Karaoke-Singen trägt dazu bei, das Eis zu brechen. Auch durch die sich verhärteten Fronten zwischen Nordkorea und den USA führten schließlich dazu, dass Traavik inzwischen jeden Kontakt zu Nordkorea auf Eis gelegt hat. Für die mit ihm reisenden Künstler scheinen die Tage in Nordkorea zumindest eine ungewöhnliche Abwechslung gewesen sein, ein Blick in eine Welt, die meist komplett verschlossen ist und sich fast nur in Dokumentationen wie dieser ein wenig hinter die Kulissen blicken lässt.
 
Michael Meyns