Wara No Tate – Die Gejagten

Polizisten müssen einen Kinderschänder vor der aufgebrachten Menge beschützen. So rudimentär ist der Plot von „Wara No Tate“, doch aus diesem simplen Konstrukt formt Takashi Miike nicht nur ein spannendes Drama, sondern vor allem eine komplexe Studie über Moral, Rachegedanken und das Selbstverständnis eines Rechtstaates. Ein herausragender Film, der aktuell auf dem Filmfestival in Cannes unter dem Titel "Shield of Straw" lief.

Webseite: www.warnerbros.de

Wara No Tate / Shield of Straw
Japan 2013
Regie: Takashi Miike
Buch: Tamio Hayashi, nach dem Roman von Kazuhiro Kiuchi
Darsteller: Nanako Matsushima, Tatsuya Fujiwara, Takao Ohsawa, Kento Nagayama, Goro Kishitani
Länge: 124 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 10. Juli 2014
 

FILMKRITIK:

Der kaum 20jährige Kiyomaru (Tatsuya Fujiwara) hat in Tokio auf grausame Weise ein kleines Mädchen missbraucht und getötet und befindet sich auf der Flucht. Ninagawa (Tsutomu Yamazaki), der greise Großvater des Mädchens und gleichzeitig mächtiger und reicher Geschäftsmann, setzt eine Belohnung aus: Eine Milliarde Yen, rund sieben Millionen Euro, soll derjenige erhalten, der Kiyomaru tötet und damit in den Augen Ninagawas für Gerechtigkeit sorgt.

Nach einem ersten Anschlag auf sein Leben stellt sich Kiyomaru der Polizei im südlichen Japan und stellt damit die Polizei von Tokio vor eine schwere Aufgabe: Binnen 48 Stunden muss er dem Haftrichter vorgeführt werden, doch gleichzeitig sind potenziell 135 Millionen Japaner willens, ihn zu ermorden. Mit der schwierigen Aufgabe, Kiyomaru nach Tokio zu transportieren, wird Mekari (Takao Osawa) beauftragt, prinzipientreues Mitglied einer Spezialeinheit. Ihm zur Seite steht seine Kollegin Atsuko (Nanako Matsushima) und drei Polizisten, die ihre Abscheu vor dem Täter kaum verhehlen können.

Erst per Flugzeug, dann per Polizeikorso, mit dem Schnellzug und schließlich mit dem Auto wird Kiyomaru quer durchs Land transportiert und von seinen polizeilichen Beschützern immer wieder gegen Angriffe von gewöhnlichen Bürgern, aber auch aus den eigenen Reihen verteidigt. Immer mehr Opfer fordert die Beschützung eines Mannes, der ohne Frage schuldig ist und zu allem Überfluss auch noch die Todesstrafe erwartet.

Der Transport eines Gefangenen von einem Ort zum anderen ist ein beliebtes Filmsujet, das auf einfache Weise Spannung erzeugt. Hier jedoch dreht der japanische Genrespezialist Takashi Miike („Audition“, „Ichi the Killer“) den Spieß um: Nicht etwa die Befreiung eines Gangsters ist die Gefahr sondern ein Mordanschlag, der aus moralischer Hinsicht gerechtfertigt erscheinen könnte. Denn an der Schuld Kiyomarus lässt Miike keinen Zweifel bestehen, zeichnet den jungen Mann zudem als manischen Charakter, der Spaß daran hat, gejagt und beschützt zu werden.

Je mehr Polizisten bei dem Versuch ihn zu beschützen ihr Leben lassen, umso größer werden die Zweifel am Sinn der Aktion: Warum sein Leben für jemanden aufs Spiel setzen, der ein grausames Verbrechen begangen hat für das er ohnehin mit dem Tod bestraft werden wird? Besonders die Hauptfigur Mekari hadert mit diesem Schicksal, zumal er selbst Rachegedanken hegt: Seine Frau war von einem Lastwagenfahrer überfahren und getötet worden, der mit einer milden Strafe davonkam. Zwischen Pflicht und Rachegefühlen sieht sich Mekari hin- und hergerissen und verteidigt schließlich doch den Rechtsstaat.

Das übertriebene Konstrukt, das Miike hier entwirft erinnert entfernt an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“, in dem ein Trupp Soldaten mitten im Zweiten Weltkrieg erhebliche Opfer in Kauf nimmt, um einen Soldaten zu retten. Doch während sich dort Ryan als nobler, unbedingt schützenswerter Mann erwies, die Opfer also gerechtfertigt erschienen, ist Miike viel konsequenter und damit interessanter: Stünde die Schuld von Kiyomaru nicht so eindeutig fest, wären die Opfer der Polizei möglicherweise gerechtfertigt. So jedoch zeigt Miike auf, dass für die Verteidigung des Rechtsstaates oft extreme Mittel notwendig sind, die bisweilen absurd wirken mögen und ein komplexes moralisches Dilemma erzeugen. All das macht „Wara No Tate“ zu einem nicht nur spannenden, packend gefilmten Polizei-Thriller, sondern zu einem moralischen Drama, das kaum zu beantwortende Fragen über Rachegelüste und Moral aufwirft.
 
Michael Meyns