Warten auf Schwalben

Eine echte Entdeckung: Der Episodenfilm erzählt drei lose miteinander verbundene Geschichten und wird dabei zur Bestandsaufnahme, die das heutige Algerien in all seinen Brüchen zeigt. Ein Manager in der persönlichen und beruflichen Krise, eine junge Braut mit einem heimlichen Liebhaber und ein Arzt, der sich an den Bürgerkrieg erinnert – die drei Hauptpersonen stehen symbolisch für den Zustand ihres Landes. Dieses Algerien erscheint wie gelähmt von den Ereignissen der Vergangenheit und sucht einen Weg in die Zukunft. Hier geht es weniger um kraftvolle, kämpferische Statements und um dramatische Spannungsbögen als um subtile Seitenblicke, mit denen dennoch das Wesentliche erfasst wird. Visuell und inhaltlich erreicht der Regisseur Karim Moussaoui ein atmosphärisches Niveau, das für ein Kinodebüt außerordentlich ist und den unauffällig gestarteten Film zu einer Filmkunstperle macht.

Webseite: www.missingfilms.de

Originaltitel: En attendant les hirondelles
Frankreich/Deutschland/Algerien/Katar 2017
Regie: Karim Moussaoui
Drehbuch: Karim Moussaoui, Maud Ameline
Darsteller: Mohamed Djouhri, Sonia Mekkiou, Hania Amar, Mehdi Ramdani, Chawki Amari, Saadia Gacem, Hassan Kachach, Nadia Kaci, Samir El Hakim, Aure Atika
Länge: 113 Minuten
deutsche Fassung und OmU
Verleih: Missing Films
Kinostart: 23. August 2018

FILMKRITIK:

Die erste Episode handelt von Mourad, einem wohlhabenden Bauunternehmer, gespielt von Mohamed Djouhri. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, hat aber ein gutes Verhältnis zu seiner geschiedenen Frau. Irgendwie hat sich Mourad privat und beruflich mit allem arrangiert, auch mit der Korruption, die ihn bei allen Aufträgen begleitet. Aber Mourad ist müde, vielleicht nicht lebensmüde, aber es fehlt nicht mehr viel. Als er zufällig Zeuge einer Gewalttat wird, greift Mourad nicht ein. Er holt nicht einmal Hilfe.
 
Von Mourads Chauffeur handelt die zweite Episode. Djalil (Mehdi Ramdani) hat ein paar freie Tage und fährt einen Bekannten zur Hochzeit seiner älteren Tochter, die mit ihrer Schwester im Wagen sitzt. Bald wird klar, dass es zwischen der Braut Aïsha und Djalil eine Verbindung gibt. Als die beiden unerwartet allein sind, geht ihre gemeinsame Geschichte weiter.

Der Neurologe Dahman (Hassan Kachach) trifft in einem heruntergekommenen Viertel am Rande von Algier eine Frau, die ihn kennt, an die er sich aber nicht erinnern kann. Sie wurde während des Bürgerkriegs von mehreren Männern vergewaltigt. Dahman war dabei, wenn auch nicht beteiligt. Sie hat ihn nach langem Suchen gefunden und wünscht sich, dass er ihr behindertes Kind als seinen Sohn anerkennt.
 
Drei Episoden – drei Hauptpersonen – drei Themen. Geht es in der ersten Geschichte um Unsicherheit und Gefahr, die überall lauern können, so ist das Thema der zweiten Episode die Verwurzelung in der Tradition, verkörpert durch die Freiheiten, die sich Aïcha und Djalil nehmen oder nehmen möchten. Die dritte Episode handelt vom Trauma des Bürgerkrieges, der nicht aufbereitet wurde und bis heute nachwirkt. Keine der Episoden wird zu Ende erzählt. Bevor es zu einer Lösung kommt, wird der Handlungsfaden wie ein Staffelstab scheinbar zufällig an die nächste Hauptperson weitergegeben.
 
Bei der Entwicklung der einzelnen Geschichten gibt es keine klassische Dramaturgie mit Exposition, Krise, Katharsis. Es sind keine Handlungshöhepunkte ersichtlich, die Schicksale der Personen fließen im Strom der Zeit dahin. Teile davon werden herausgezogen und erscheinen als beinahe beliebige Ausschnitte aus dem Leben, die Kamera begleitet und beobachtet die Menschenleben. Die fragmentierten Geschichten entziehen sich auf diese Weise einer klassischen Handlungsstruktur, was noch durch die äußerst sparsamen Dialoge unterstützt wird.
 
Zu den Stilmitteln gehört ebenso, dass viel gefahren wird. Die Menschen scheinen dauernd in Bewegung zu sein, sie wechseln die Orte, werden oft dabei aufgehalten – es gibt mehrere Autopannen, Mourads Sohn bricht sich den Arm bei einem Motorradunfall, den man nicht sieht – aber die ständigen Reisen und Fahrten ändern nichts an der allgemeinen Erstarrung. Die ganze Fahrerei wirkt ein bisschen sinnlos, so ähnlich wie ein Hamsterrad, das dem Hamster scheinbare Bewegung verschafft, ihn aber tatsächlich nicht von der Stelle bringt.
 
Der Gegensatz zwischen Stadt und Land, Arm und Reich spielt ebenfalls eine interessante Rolle. Die Kamera fährt immer wieder über halbfertige Neubauten, die wie hohle Zähne überall in der Landschaft stehen. In den Armenvierteln stehen Hütten, die wie Rohbauten aussehen und bewohnt sind – auf der anderen Seite die feudalen Viertel der Reichen und ihre schicken Häuser mit Swimming Pools.
 
Das ist alles sehr klug ausgedacht, die Struktur ist beeindruckend und ziemlich originell – ebenfalls eine Mischung aus Tradition und Moderne – viel episches Theater à la Brecht, dann wieder ganz klassische Muster, die gelegentlich überraschend gebrochen werden. So wird eine vierte Episode angekündigt, die aber nicht stattfinden kann, weil der Film zu Ende ist.
 
Zusätzliche Verfremdungseffekte führen die Blicke der Zuschauer auf das Wesentliche, verstärken den Eindruck oder spielen damit. Die Musik, eine Mischung aus klassischen Barockklängen, arabischer Popmusik und jazzigen Rhythmen, ist dabei von besonderer Bedeutung. Drei Mal wird im Film eine Bach-Kantate gespielt. Dietrich Fischer-Dieskau singt auf Deutsch „Ich habe genug“: Todessehnsucht wird darin deutlich und die Gewissheit, in Frieden zu sterben. Dennoch wirkt die Verwendung der Musik nicht aufgesetzt. Sie passt in die jeweilige Stimmung, so wie auch die abrupte und vollkommen losgelassene arabische Rockband mitsamt einer ganzen Tanztruppe, die sich plötzlich in der kargen Landschaft formiert. Hier funktioniert alles, das Land erwacht zum Leben: traditionelle Musikinstrumente zusammen mit E-Gitarren, Mädchen mit und ohne Kopftuch tanzen fröhlich gemeinsam mit Männern. Vielleicht ist dies auch der Hoffnungsschimmer, den der gesamte Film bereithält. Dass womöglich ein ganzes Land wieder zu Kräften kommt, wenn alle miteinander ihre Kreativität und ihre gemeinsame Sprache entdecken.
 
Gaby Sikorski