Was geschah mit Bus 670?

Eine starke Handlung, die von Minute zu Minute mehr an Kraft gewinnt – bis zum schockierenden Ende. Eine Mutter reist ihrem vermissten Sohn hinterher. Er verschwand auf dem Weg von Mexiko in die USA, und sie folgt seinen Spuren, hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihm zu finden, und der Befürchtung, mit seinem Tod konfrontiert zu werden. Der Debütfilm von Fernanda Valadez ist eine intensive Erfahrung, die erst nach und nach ihre volle Wirkung entfaltet: ein Drama mit Thrillerqualität, inhaltlich und visuell sehr beeindruckend – allerfeinste Filmkunst mit einem hochpolitischen Hintergrund.

Webseite: www.mfa-film.de

Preise/Auszeichnungen
2020 Zürich Film Festival, „Goldenes Auge“ für den besten Spielfilm
2020 San Sebastian Film Festival, Horizontes Award
2020 Sundance Festival: Publikumspreis und Preis für das beste Drehbuch

Mexiko, Spanien 2020
Originaltitel: Sin Señas Particulares
Buch und Regie: Fernanda Valadez
Darsteller: Mercedes Hernández, David Illescas, Juan Jesús Varela
Länge: 97 Minuten
Verleih: MFA Film Distribution, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart neu: n.n.

FILMKRITIK:

Viele junge Leute sind verschwunden – auch Jésus, Magdalenas Sohn, eigentlich noch ein Kind. Vor einiger Zeit verließ er mit seinem besten Freund Rigo das Dörfchen in Zentral-Mexiko, um in die USA zu gehen, in ein besseres Leben. Rigos Leiche wird gefunden, doch von Jésus fehlt jede Spur. Er stieg mit Rigo in den Bus 670, von dort kam das letzte Lebenszeichen der beiden. So beschließt Magdalena, Jésus zu suchen. Sie macht sich auf die beschwerliche Reise in den Norden Mexikos, der Todeszone genannt wird. Sie trifft eine andere Mutter, die ihr Schicksal teilt. Von ihr bekommt sie wertvolle Tipps. Magdalena gibt eine Blutprobe ab, mit der die Identifikation von Toten erleichtert wird. Und sie bekommt Kontakt zu Leuten, die möglicherweise etwas über ihren Sohn wissen könnten. Während sich Magdalena dem gespenstischen Grenzzaun nähert, der die USA und Mexiko trennt, findet sie immer mehr Indizien für das, was mit dem Bus 670 passiert sein könnte. In der Todeszone begegnet sie Miguel, einem Jungen, der hier aufgewachsen ist und schon vor Jahren seine Heimat verließ. Mit ihm gemeinsam sucht sie nach seiner Mutter und nach weiteren Spuren von Jésus.

Fernanda Valadez legt ihren Film formal als Road Movie an – von Station zu Station steigert sie die Spannung, die in einer schockierenden Auflösung gipfelt. Das ist raffiniert gemacht und in seiner Konsequenz sehr erschütternd. Die Dialoge sind ebenso sparsam wie schlüssig, die Bilder zeigen ein Mexiko, das absolut nichts mit den sonnigen Sombrero-Klischees früherer Zeiten zu tun hat. Dafür arbeiten Fernanda Valadez und ihre geniale Kamerafrau Claudia Becerril Bulos viel mit Bokeh – gezielt gesetzten Unschärfen – und mit ungewohnten Kameraperspektiven. So gibt es bei Dialogen kaum Gegenschnitte, oft werden die Sprecher von hinten gefilmt, gelegentlich vor einem unscharfen Hintergrund. In dokumentarischer Schärfe werden dagegen, immer aus Magdalenas Sicht, die Zustände an der mexikanischen Grenze gezeigt: eingepackte Leichen werden in Kühlhäuser getragen, Rucksäcke und Taschen, die niemandem gehören, füllen ganze Lagerhäuser. Müttern und andere Verwandte, die ihre Kinder suchen, stehen in Schlangen an, um sich Blut abnehmen zu lassen. Schließlich gelangt sie bis zu den US-Grenzanlagen, die aussehen wie eine Art High-Tech-DDR-Grenzübergang.

Magdalena, die nicht lesen kann, wirkt manchmal überfordert; sie ist eine Frau, die vielleicht gar keinen Plan hat, nur ein Ziel: ihren Sohn zu finden. Wie diese Frau, grandios gespielt von Mercedes Hernández, sich zum einen der Grenze, zum anderen aber auch der Wahrheit nähert, ist eine tragische Geschichte in Bildern, die von Trauer erzählen, aber auch immer wieder von Hoffnung. Die Todeszone erscheint als totes Land, in dem gefühllose, erstarrte Menschen dahinvegetieren, die von Mörderbanden heimgesucht werden. Verwahrlost, verlassen und zerstört sind die Dörfer und ihre Bewohner. Fernanda Valadez arbeitet mit Symbolen – nach Luft schnappende Fische, eine Operation am Auge, Tautropfen am Gras. Es sind Symbole der Hoffnung und der Resignation, und zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich der Film, der in grandioser Bildsprache vom Elend eines ganzen Landes erzählt, von Opfern, die zu Tätern werden, und von der Unmenschlichkeit im Kreislauf der Gewalt.

Gaby Sikorski