Was heisst hier Ende?

Gleichermaßen Hommage an einen Freund und kulturkritische Dokumentation über den Zustand der deutschen Filmkritik ist „Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen“, der neue Film von Dominik Graf. Besonders der zweite Aspekt macht den Film auch für diejenigen interessant, denen der Kritiker Althen eher unbekannt ist.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Dominik Graf
Länge: 120 Minuten
Verleih: Zorro Filmverleih, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 18. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Wenn Filmkritiker nach einer abendlichen Pressevorführung oder bei einem Festival zusammensitzen und ein oder zwei Bier trinken, dann wird schon mal der Zustand des eigenen Berufsstandes beklagt, die Geringschätzung der eigenen Arbeit. Filmkritiker ist eben kein geschützter Beruf, gerade durch das Internet wurde es praktisch jedem möglich, einen Blog zu erstellen und sich „Kritiker“ zu nennen. So gibt es heutzutage kaum noch Kritiker, die einem breiteren Publikum bekannt sind, die aber auch unter Kollegen in einem Maße gelesen und respektiert werden, wie es Michael Althen widerfuhr.

2011 ist Althen viel zu früh verstorben, mit nur 49 Jahren, doch das ihm sein guter Freund Dominik Graf nun mit der Dokumentation „Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen“ ein wunderbares Denkmal setzt, zeigt die Bedeutung, die Althen als Filmkritiker und Redakteur bei der Südddeutschen Zeitung und später bei der Frankfurter Allgemeinen erlangt hat. Althen war Anfang der 80er Jahre Teil einer neuen Generation von Filmkritikern, die sich stark für das amerikanische Mainstream-Kino einsetzten. Besonders in der inzwischen leider nicht mehr erscheinenden Filmzeitschrift „Steadycam“ erschienen ausführliche Texte von Althen und anderen, aus denen die Lust an einem Kino sprach, das nicht so betont ernsthaft, so bedeutungsschwer war, wie es etwa das deutsche Kino der 70er Jahre war.

Diese Lust am Populären machte die Freundschaft zwischen Althen und dem ebenfalls in München lebenden Dominik Graf praktisch unausweichlich, ist Graf doch einer der wenigen deutschen Regisseure der Post-Fassbinder-Ära, der sich so deutlich für das Genre-Kino stark macht, sowohl in journalistischen Texten wie in eigenen Filmen. Gemeinsam drehten Graf und Althen die Dokumentarfilme „Das Wispern im Berg der Dinge“ und vor allem den wunderbaren München-Film „München – Geheimnisse einer Stadt“, und blieben auch nach Althens Umzug nach Berlin gute Freunde.

Diese Nähe hätte nun zu einem Film führen können, der allzu intim ist, der in erster Linie für enge Freunde und Familienangehörige Althens von Interesse wäre. Doch auch wenn Graf die Eltern Althens vor die Kamera holt, auch seine Frau und Kinder zu Worte kommen, gelingt es ihm doch, seine Dokumentation nicht zur Nabelschau werden zu lassen. Das funktioniert nicht zuletzt deswegen, da Althen im Lauf der Jahre, im Lauf der Filmfestivals immer wieder gefilmt wurde (besonders bekannt Romuald Karmakers kurze Vignette „Berlin-München-Berlin“) und sich die spezielle Haltung Althens dadurch auch visuell zeigt.

Denn für Althen war das Kino nicht ein abgeschotteter Bereich, sondern spiegelte das Leben, wurde von persönlichen Erfahrungen bereichert, bildete ein Wechselspiel zwischen Fiktion und Realität. Eine technisch tolle Einstellung war dann nur dann wirklich toll, wenn sie auch etwas über das Leben erzählte und nicht nur auf sich selbst verwies. Interviews mit zahlreichen Wegbegleitern, Kollegen und Freunden, Auszüge aus Filmkritiken und anderen Texten ergänzen das Porträt eines Kritikers, der nicht umsonst bewundert wurde. Ein bisschen Nostalgie mag mitschwingen, wenn Graf einen gewissen Verfall der zeitgenössischen Filmkritik beklagt, doch dieses Maß an Wehmut mag ihm gegönnt sein, gerade in so einer liebevollen Hommage wie diesem Film.
 
Michael Meyns