Was will ich mehr

Zwar ist der Titel von Silvio Soldinis neuem Film keine Frage, doch „Was will ich mehr“ wirft genau diese Frage auf: Was will eine Frau, die einen guten Job, Freunde und eine funktionierende Beziehung mehr? Eine Antwort darauf findet auch Anna nicht – doch deren Suche nach dem Sinn ihrer Existenz formt der italienische Regisseur Silvio Soldini zu einem starken Drama.

Webseite: www.alamodefilm.de

Italien 2010
Regie: Silvio Soldini
Drehbuch: Doriana Leondeff, Angelo Carbone, Silvio Soldini
Darsteller: Alba Rohrwacher, Pierfrancesco Favino, Giuseppe Battiston, Teresa Saponangelo, Monica Nappo
Länge: 121 Min.
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 9. Dezember 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Eigentlich sollte Anna zufrieden mit ihrem Leben sein: Sie hat einen guten, sicheren, wenngleich wenig fordernden Bürojob, gute Freunde und einen etwas unscheinbaren Lebensgefährten, der sie innigst liebt. Alles scheint seinen Gang zu gehen, nicht besonders aufregend, aber in geregelten Bahnen. Nachdem ihre Schwester ein Baby bekommen hat, scheint nun auch Anna für ein Kind bereit zu sein, das ihr Leben endgültig festigen würde.

Doch dann begegnet ihr auf einer Betriebsfeier der Kellner Domenico, der mit seinem südländischen Äußeren in Annas Mailand wie ein Fremdkörper wirkt. Auf den ersten Blick könnten zwei Menschen kaum unterschiedlicher sein, und gerade deswegen kann Anna nicht aufhören, an Domenico zu denken. Bald beginnt eine leidenschaftliche Affäre, die auf wenige Momente beschränkt ist. Denn auch Domenico steckt in einer Beziehung, ist verheiratet, hat zwei Kinder. Auch er lebt ein oberflächlich betrachtet erfülltes Leben, hat einen Job, eine ihn liebende Familie und ist Hobbytaucher. Was genau ihm fehlt, wird genauso wenig präzisiert wie die Gründe für Annas plötzlichen Wandel, der jegliche Stabilität in ihrem Leben untergräbt. Um Domenico zu treffen erfindet sie Ausreden, vernachlässigt ihre Freunde und ihren Lebensgefährten, der zu treusorgend ist, um Annas Affäre zu bemerken. Immer tiefer verstrickt sich das Paar in seine Begierde, schwankt zwischen hoffnungsvollem Plänemachen und Desillusionierung angesichts der Lügen und verletzten Menschen, die ihre Lust kostet.

Es ist sicherlich kein Neuland, das Silvio Soldini, in Deutschland vor allem durch seinen Erfolgsfilm „Brot und Tulpen“ bekannt, hier betritt. Auch die Figuren, die er entwirft, wirken auf den ersten Blick wie ein Klischee und in ihren klar gezeichneten Gegensätzen allzu schlicht. Und doch erzeugt die Geschichte einen bemerkenswerten Sog, der „Was will ich mehr“ trotz einiger Längen und weniger geglückter Passagen (gerade zum Ende hin) unbedingt sehenswert macht. Das liegt zum einen an den beiden Hauptdarstellern Alba Rohrwacher und Pierfrancesco Favino, die mit subtilen Gesten die Zerrissenheit ihrer Figuren zum Leben erwecken und aus eigentlich nur bedingt sympathischen Charakteren komplexe Typen machen. Zum anderen sind das die Bilder, mit denen Kameramann Ramiro Civita die schwierige Liebesgeschichte einfängt. Gleichzeitig in Scope gedreht und einen mobilen, leicht dokumentarisch wirkenden Stil wählend, bleibt die Kamera meist ganz nah an den Figuren, besonders an Anna, die den Film dominiert, dran, taucht bisweilen geradezu in die ungeschminkten Gesichter ein, blickt hinter die Fassaden. So schafft es Soldini, einer bekannten Geschichte neues Leben einzuhauchen und eine zeitlose Erzählung zu einem aufregenden, teils auch sehr sinnlichen modernen Film zu machen.

Michael Meyns

Mailand. Anna lebt mit ihrem Alessio friedlich zusammen. Er ist zurückhaltend, handwerklich begabt. Sie hat einen guten Job. Es ist von einem baldigen Kind die Rede. Sie könnten zufrieden sein.

Domenico hat seine Miriam und seine Kinder. Kein Zweifel, dass er sie alle liebt. Geld hat die Familie nicht sehr viel – es geht so. Beim Schwimmen und Tauchen erholt sich Domenico.

Anna und Domenico treffen zufällig zusammen. Blitz aus heiterem Himmel. Die Leidenschaft, auch die sexuelle, wird total. Die beiden haben wenig Geld, müssen dauernd lügen und sich verstecken, können sich nur stundenweise sehen. Glück und Schmerz in einem.

Alessio ahnt kaum etwas. Anders Miriam. Sie bemerkt, dass Domenico vom „Schwimmen“ mit trockener Badekleidung nach Hause kommt. Sie gerät außer sich.

Etwas muss geschehen. Aber was? Wie wird das enden?

Silvio Soldini will keine großen Dramen, nichts Exorbitantes. Er zeigt das Wirklichkeitsnahe, das Laufende, das Alltägliche, das Unumgängliche. Das allerdings mit intensiver Leidenschaft. So auch hier. Die Unterschiedlichkeit und mögliche Vielfalt der Liebe wird ausgespielt: diejenige zum Lebens- oder Ehepartner, diejenige zu den Kindern, diejenige zum oder zur Geliebten. Soldini verhehlt nicht, dass das alles realistisch und lebensgewöhnlich ist. Offen. Ehrlich. Basta.

Deshalb ein schöner, berührender Film. Formal sowieso.

Absolut sehenswert auch, wie Alba Rohrbacher (Anna), Pierfrancesco Favino (Domenico), Teresa Saponangelo (Miriam) und Giuseppe Battiston (Alessio) ihre Parts verkörpern. Hingehen. Anschauen.

Thomas Engel