Waves

„Dazed and Confused“ trifft auf den jungen, wilden Terrence Malick – als jener noch ohne kryptische Verquastheiten daherkam. Mit dem präzisen Blick eines Richard Linklater auf das Teenager-Leben, entwirft der 31jährige Trey Edward Shults ein wuchtiges Generationen-Portrait als visuelle Wundertüte mit dramaturgischer Cleverness. Man bekommt gleich zwei Filme in einem, ein Ying und Yang gewissermaßen. Der 17-jährige Tyler aus gutem Haus kommt mit dem Druck nicht zurecht, wird komplett aus der Bahn geworfen. Nach dem desaströsen Niedergang erlebt seine kleine Schwester Emily die ganz große Liebe. Die Achterbahn aus Verzweiflung und Hoffnung zwingt auch die Eltern, ihre Beziehung neu zu ordnen. Den euphorischen Kritiken beim Toronto Filmfest dürfte der Publikumszuspruch folgen. Erschütternd und berührend gleichermaßen: Arthaus mit Wow-Effekt!

Webseite: upig.de

USA 2019
Regie: Trey Edward Shults
Darsteller: Kelvin Harrison Jr., Sterling K. Brown, Lucas Hedges, Taylor Russell, Alexa Demie, Renée Elise Goldsberry
Filmlänge: 135 Minuten
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH
Kinostart: 16.7.2020

FILMKRITIK:

„Die Welt kümmert sich weder um dich. Noch um mich!“, belehrt der Vater den Sohn. „Wir können uns nicht den Luxus der Durchschnittlichkeit leisten.“ Ronald Williams (Sterling K. Brown) hat es als Bauunternehmer zu einigem Wohlstand für seine afroamerikanische Familie gebracht. Er ist ein liebevoller Ehemann und stolzer Vater. Tochter Emily (Taylor Russell) und Sohn Tyler (Kelvin Harrison Jr.) genießen ein harmonisches Familienleben im gemütlichen Heim. Die Schwester frischt dem Bruder kichernd seine blondierten Haare auf, der spielt gerne Klavier und macht leidenschaftlich Sport. Der 17jährige Teenager gilt als talentierter Ringer, der mit dem ehrgeizigen Papa trainiert und auf ein College-Stipendium hofft. Eine Schulterverletzung bedroht plötzlich all die schönen Pläne. Der Arzt rät dringend zur Operation. Tyler macht trotzig weiter, erzählt niemandem von den Problemen. Tabletten betäuben den Schmerz, zumindest kurzfristig. Mit Freundin Alexis (Alexa Demie) stehen ganz andere Sorgen an, die zur gravierenden Beziehungskrise führen. Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Und Drogen. Dann überschlagen sich die Ereignisse dramatisch.

Der Tragik folgt im zweiten Teil die Hoffnung, nun aus Perspektive der kleinen Schwester erzählt. Sie verliebt sich hoffnungslos in den charmanten Mitschüler Luke (Lucas Hedges). Man macht romantische Ausflüge, schwimmt vergnügt mit Seekühen, erlebt sich als Seelenverwandte. Gleichwohl ist die Idylle durch dunkle Schatten bedroht. Emilys Eltern haben die dramatischen Ereignisse in den Grundfesten erschüttert. Den Freund verunsichern Dämonen der Vergangenheit.

Schuld und Sühne. Verwundbarkeit sowie die dringende Notwendigkeit von Vergebung, Verständnis und Verständigung sind Themen, die den jungen Regisseur auch in seinem dritten Film umtreiben. Kitschfrei und ohne Prediger-Pathos stellt er existenzielle Fragen, deren Antwort dem Zuschauer überlassen bleiben.

Statt mit klassischer Erzählweise entwickelt Shults seine Geschichte mit lässiger Leichtigkeit wie in einem Kaleidoskop. Kleine Episoden ergeben die Puzzlestücke, die schließlich das große Bild immer deutlicher werden lassen. Vorhersehbar ist dabei erfreulich wenig. Zum erzählerischen Überraschungsei mit erstaunlichen Aha-Effekten gesellt sich die visuelle Wundertüte mit wuchtiger „Wow“-Wirkung. Bereits der Vorspann gibt die Richtung vor. Die Jugendlichen vergnügt im Auto, dazu coole Elektromusik und die Kamera rotiert im Autohimmel um 360 Grad. Die entfesselte Handkamera verfolgt vielfach die Figuren ganz nahe, das Konzept flirrender Farben korrespondiert mit den Gefühlen der Akteure. Nicht selten entwickeln solche Bilder einen fast hypnotischen Sog: Vier Streifenwagen auf nächtlichem Highway rasen geradezu kontemplativ zum Einsatz. Der Partybesuch des vollgedröhnten Helden gerät zum psychodelischen Erlebnis der kunterbunten Art. Und bei intimen Momenten, beim ersten Mal des jungen Pärchens oder dem sensiblen Vater-Tochter-Gespräch, zieht sich die Kamera diskret zurück.

Schauspielerisch liefert das Ensemble eine makellose Leistung. Vom oscarnominierten, längst hochgelobten Lucas Hedges über die relativen Newcomer Kelvin Harrison Jr. und Taylor Russell stimmen die Chemie zwischen den Akteuren und deren Glaubwürdigkeit. Auch damit erinnert „Waves“ an Richard Linklaters legendäres Jugenddrama „Dazed & Confused“. Terrence Malick kann gleichermaßen stolz sein: Bei ihm ging der Jungfilmer als Praktikant bei drei Filmen in die Lehre.

Dieter Oßwald