We are X

Als X, später als X Japan ist eine japanische Heavy Metal Band bekannt, die vor allem in ihrer Heimat Millionen Platten verkaufte, aber auch bei einer internationalen Fangemeinde geradezu messianisch verehrt wird. Für diese Fans ist „We are X“ gemacht, den Regisseur Stephen Kijak als Hagiographie auf Bandleader Yoshiki und Sänger Toshi inszeniert.

Webseite: www.interzone-pictures.com

Dokumentation
USA/ GB/ Japan 2017
Regie: Stephen Kijak
Länge: 95 Minuten
Verleih: Interzone Pictures
Kinostart: 12. Oktober 2017

FILMKRITIK:

Reichlich bizarr muten die Bilder aus den späten 80ern an, die die Phase des größten Erfolgs der Band X Japan dokumentieren: In glitzernden Kostümen, mit Pailletten und Steinchen übersät, hüpfen da fünf Japaner über Bühnen, die im Feuerzauber leuchten. Ihre Haare sind oft einen halben Meter hochtoupiert, die Gesichter wild geschminkt, die dröhnenden, pathetischen Songs tragen Titel wie „Crucify my Love“ oder gar „Forever Love.“
 
Fast ist man geneigt diese Bilder für eine Satire im Stile von „Spinal Tap“ zu halten, doch X Japan existiert tatsächlich und sind eine Legende – zumindest in ihrer japanischen Heimat. Anfang der 80er Jahre von den Jugendfreunden Yoshiki und Toshi gegründet, feierte die Band in den späten 80er und frühen 90er Jahren riesige Erfolge, bevor sie 1997 auseinanderbrach.
 
Ein nicht näher bezeichneter Kult scheint Sänger Toshi zu diesem Zeitpunkt unter seine Kontrolle bekommen haben, was nur ein weiteres merkwürdiges Ereignis in der Biographie der Band ist über das Regisseur Stephen Kijak recht beiläufig hinweggeht. Irgendwann war Toshi offenbar wieder er selbst, rief seinen alten Freund Yoshiki an und die Band fand  wieder zusammen.
 
Ganz im Stil der eigenen Legende inszenieren sich Toshi und vor allem Yoshiki, der in kaum einem Moment dick geschminkt, perfekt frisiert und mit breiter Sonnenbrille vor die Kamera tritt und jederzeit die Kontrolle über sein Image behält. Wirkliche Einblicke in das Wesen der Musiker, mögliche Konflikte oder gar Probleme darf man hier nicht erwarten, Regisseur Kijak – der nach eigener Aussage die Band überhaupt nicht kannte, bevor er den Auftrag annahm, einen Film über sie zu drehen – ist kaum mehr als ausführender Legendenerzähler, der zur hagiographischen Verklärung von X Japan beiträgt.
 
Im Zuge eines Konzerts im legendären New Yorker Madison Square Garden entstanden die meisten der Interviews für den Film, ergänzt durch zahlreiche Archivaufnahmen, die den Erfolgsweg der Band nachzeichnen, vor allem auch die kaum glaubliche Bedeutung, die sie für die japanische Jugend hat.
 
Vielleicht liegt es daran, dass X Japan mit ihrer exaltierten Art, ihrer überbordenden Bühnenshow, ihrem offensiv zur Schau gestellten Exzess so konträr zum meist introvertierten, zurückhaltenden japanischen Wesen funktionieren. Prinzipien wie Status und Seniorität, auf denen die japanische Gesellschaft basiert, werden von X Japan gesprengt, Individualität und Eigenständigkeit dem Gruppendenken entgegengestellt. Diese Einblicke in die japanische Psyche sind die interessantesten Momente eines Films, der sich bisweilen ein wenig zu sehr in den konventionellen, sicheren Bahnen einer dokumentarischen Biographie bewegt. Für Fans von X Japan ist dieser Film natürlich ein Fest, für Unbeteiligte bleiben sie wohl eher ein Kuriosum.
 
Michael Meyns