We Have Always Lived in the Castle

Sieht man den Trailer und betrachtet das Poster von „We Have Always Lived in the Castle“, dann könnte man den Eindruck erhalten, hier einen Geisterfilm vor sich zu haben. Immerhin stammt die Romanvorlage von Shirley Jackson, die für ihr Werk „Spuk in Hill House“ berühmt ist. Aber dieser feinsinnig gestaltete Film besitzt keinerlei übernatürlichen Momente, sondern ist eher das Drama der Überreste einer Familie, deren große Zeit längst hinter ihr liegt. Das ist dennoch spannend, weil die personellen Konflikte überzeugen und ein konstantes Gefühl des Unbehagens erzeugt wird.

Webseite: www.kinostar.com

USA 2018
Regie: Stacie Passon
Buch: Mark Kruger
Darsteller: TaissaFarmiga, Alexandra Daddario, Crispin Glover, Sebastian Stan
Länge: 107 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 3. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Constance (Alexandra Daddario) und ihre jüngere Schwester Merricat (TaissaFarmiga) leben zusammen mit ihrem Onkel Julian (Crispin Glover) im Blackwood-Anwesen, das auf einem Hügel liegt und über die darunter liegende Stadt hinwegsieht. Sie sind die letzten Überlebenden eines Giftanschlags, der der Mutter der beiden Schwestern angelastet wurde. Nun leben sie zurückgezogen, fast idyllisch, aber die Stadt betreten sie nur, wenn es unbedingt nötig ist. Denn die Einwohner begegnen ihnen mit offenem Hass. Und dennoch ist das Leben gut, weil Constance und Merricat sich ergänzen. Aber dann taucht Cousin Charles (Sebastian Stan) auf, der Constance schöne Augen macht und offenkundig mehr an den finanziellen Möglichkeiten der Familie als an den Menschen selbst interessiert ist. Während Constance ihm verfällt und Julian keinerlei Gegenwehr liefern kann, verstrickt sich Merricat in einen Machtkampf, von dem Charles sicher ist, dass er ihn gewinnen wird.
 
Shirley Jacksons Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ erschien erstmals im Jahr 1962, die deutsche Ausgabe erst gut ein Vierteljahrhundert später – und seit ein paar Monaten gibt es eine Neuauflage durch den Festa Verlag, so dass man Roman und Film sehr schön miteinander vergleichen kann. Die Adaption von Mark Kruger ist nahe am Original, was nicht überrascht, ist dies doch seit fast 15 Jahren ein Passionsprojekt für den Autor, der daran gefeilt hat, bis er nichts mehr daran auszusetzen hatte.
 
Der Film ist in erster Linie ein Drama, er funktioniert jedoch als subtiler Horror für ein erwachsenes Publikum, weil der Film es schafft, die Ich-Perspektive der Erzählerin Merricat zu übernehmen und somit das Geschehen aus ihrer Sicht zu zeigen. Dem ist es auch geschuldet, dass sich die Figuren so eigenartig benehmen, weil man sie aus der Perspektive eines zutiefst gestörten Menschen betrachtet. Das macht Constance zu einer Art StepfordWive, die jedes Problem und jeden Konflikt weglächeln und jedem gefallen will, das macht aber auch Julian zu einem um das Trauma seines Lebens kreisenden Verlorenen und Cousin Charles zu einer Schreckensgestalt, die gekommen ist, das perfekt ausbalancierte Idyll der Blackwood-Schwestern zu zerstören.
 
Das gilt aber auch für die Bewohner von Shirleyville – der Name ist eine Hommage an die Autorin –, die den Blackwoods mit äußerstem Hass begegnen. Sie sind die Mistgabeln und Fackeln schwingenden Wutbürger einer Frankensteinesken Welt, in der die Blackwoods als Monsterersatz dienen müssen. Das entlädt sich in einem Fanal der Gewalt, an deren Ende nur Beschämung übrig bleibt – weil der normale Mensch zum Wutbürger wurde, der sich seines eigenen moralischen Kompasses entledigt hat.
 
„WeHave Always Lived in the Castle“ ist ein ruhig erzählter, eindringlich wirkender Film, der nicht nur seiner unwirklichen Stimmung wegen punkten kann, sondern auch, weil er dem Konflikt von denen „da oben“ und denen „da unten“ in nur minimal verklausulierter Form Platz einräumt. Der Zorn der Habenichtse wird zum Hass auf die Reichen, die wiederum so naiv und losgelöst sind, dass sie ihren eigenen Reichtum gar nicht begreifen, was sie zum perfekten Opfer eines Mannes macht, der sich an ihnen bereichern will. All das ist der Background einer Geschichte, die gekonnt mit Hinweisen und Details spielt, welche zum Ende hin einen ganz neuen Blick auf die Familie Blackwood und das mehr als eigentümliche Happyend, das ihnen beschert ist, offenbart.
 
Peter Osteried