Weißer, weißer Tag

Zwar spielt auch „Weißer, weißer Tag“ auf Island, doch ist der zweite Film von Hlynur Pálmason keiner jener typischen isländischen Filme, die zwischen Schafen und malerischen Landschaften leichte, ironische Geschichten erzählen. Leicht ist hier gar nichts, denn es geht um Verlust und Trauer, um Tod und die Erinnerung an einen geliebten Menschen. Eine inhaltlich wie formal strenge Psychostudie.

Webseite: arsenalfilm.de

Hvítur, hvítur dagur
Island/ Dänemark/ Schweden 2019
Regie & Buch: Hlynur Pálmason
Darsteller: Ingvar E. Sigurdsson, Ida Mekkin Hlynsdottir, Hilmir Snaer Gudnason, Bjorn Ingi Hilmarsson, Elma Stefania Agustsdottir, Sara Dogg Asgeirsdottir
Länge: 109 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 13. Februar 2020

FILMKRITIK:

Es ist schon einige Zeit her, dass die Frau des ehemaligen Polizisten Ingimundur (Ingvar E. Sigurdsson) auf den nebelig Straßen Islands vom Weg abgekommen und tödlich verunglückt ist. Doch die Trauer wiegt schwer auf der Seele des Mannes, der sich immer mehr in die Einsamkeit zurückzieht, ein Haus renoviert, dessen weiter Blick über das endlose Meer reine Melancholie ist.

Allein seine Enkelin Salka (Ida Mekkin Hlynsdottir) macht Ingimundur Freude, um ihre Eltern zu entlasten, kümmert er sich um das Kind, fährt sie zur Schule, erzählt ihr Geschichten. Doch auch Salka bekommt bald zu spüren, dass ihr Großvater sich verändert, denn ein Verdacht nagt an ihm: Seine verstorbene Frau könnte ihn betrogen haben.

Mit zunehmender Obsession hängt Ingimundur diesem Verdacht nach, analysiert jede Spur, gräbt sich manisch in alte Videoaufnahmen seiner Frau ein, die seinen Schmerz nur noch größer werden lassen.

Mit leichter isländischer Muse, vielleicht ein bisschen melancholisch, aber vor allem doch lakonisch und ironisch, so wie sie in den letzten Jahren gern auf deutschen Leinwänden zu sehen war, hat Hlynur Pálmasons Film wenig gemein. Schon der Sinnspruch, der dem Film vorangestellt steht, gibt den Ton an: „An den Tagen, an denen alles weiß ist und es keinen Unterschied mehr zwischen Himmel und Erde gibt, sprechen die Toten mit uns, die wir noch leben.“

Zwar liegt kein Schnee, doch der oft dichte Nebel, die tief hängenden Wolken, lassen die Landschaften verschwimmen, verstellen den Blick auf die Menschen, auf das Leben, und lassen die Unterschiede zwischen Himmel und Erde verschwinden. Immer wieder spielt Pálmason mit mystischen Ideen, schneidet oft von den Menschen weg auf Felsbrocken, die beseelt zu sein scheinen.

Unmittelbare Stimmen hört Ingimundur zwar nicht, aber der Verdacht gegen seine Frau wirkt wie eine Hand, die aus dem Jenseits nach ihm greift und ihn herabzieht. Zunehmend aggressiv agiert er, legt sich mit allen und jedem an, erschreckt selbst seine geliebte Enkelin mit einer überaus drastischen Geistergeschichte, alles nur wegen eines Verdachtes.

Wie konsequent Hlynur Pálmason – der schon mit seinem Debütfilm „Winterbrüder“ viel Aufmerksamkeit erregte – die zunehmende Verstörung seiner Hauptfigur schildert, ist bemerkenswert, macht diese Figur, diesen einsamen Mann, allerdings auch alles anderem als einem Sympathieträger. So leicht bekömmlich wie viele Filme aus Island ist „Weißer, weißer Tag“ nicht, statt dessen zeigt er die einsame Insel und ihre Bewohner in einem Licht, das man eher aus düsteren skandinavischen Erzählungen gewohnt ist.

Michael Meyns