Weitermachen Sanssouci

Die Berlinale-Sektion Forum steht für experimentelle, oft sperrige, eben „andere“ Filmansätze. Die dort während der 69. Festivalausgabe aufgeführte Satire „Weitermachen Sanssouci“ fügt sich da gut ins Programm. Nachdem der Regisseur und Autor Max Linz im dffb-Abschlussfilm „Ich will mich nicht künstlich aufregen“ den hauptstädtischen Kulturbetrieb verballhornte, nimmt er sich nun den Universitätsbetrieb vor. Linz bricht mit narrativen und inszenatorischen Konventionen, schafft aber zugleich mit scheinbarer Leichtigkeit, was viele andere Filmkünstler (teils absichtlich) versäumen: Unterhaltungswert mitzuliefern.

Webseite: www.filmgalerie451.de

Deutschland 2019
Regie: Max Linz
Drehbuch: Max Linz, Nicolas von Passavant
Darsteller/innen: Sarah Ralfs, Sophie Rois, Philipp Hauß, Bernd Moss, Maryam Zaree, Bastian Trost, Max Wagner, Leonie Jenning, Luis Krawen
Laufzeit: 80 Min.
Verleih: Filmgalerie 451
Kinostart: 24. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Zu Schillers Zeiten galt eine akademische Ausbildung als besonders valide, wenn sie sehr lang gedauert hatte. Heute sollen Studierende möglichst fix auf den Arbeitsmarkt streben. Wem die Bologna-Reform und der Schulterschluss zwischen Unibetrieb und Kapitalismus spanisch vorkommen, dürfte die Bildungssatire „Weitermachen Sanssouci“ begrüßen.
 
Die Handlung spielt an der (nicht näher bestimmten) Berliner Universität. Hier ergattert die Klimaforscherin Phoebe Phaidon (Sarah Ralfs) einen Lehrauftrag am Institut für Kybernetik und Simulationsforschung. Die befristete Anstellung steht von Anfang an auf der Kippe, denn dem Institut droht die Schließung, sollte eine anstehende Evaluation negativ ausfallen. Die Institutsleiterin Brenda Berger (Sophie Rois), der Dozent Julius (Philipp Hauß) und der Professor Alfons Abstract-Wege (Bernd Moss) suchen gemeinsam mit Phoebe einen Weg aus der Misere. Immerhin muss die Unternehmensberaterin Wendela (Maryam Zaree) dem Institut die Exzellenz bescheinigen.
 
Wie in Dietrich Brüggemanns Gesellschaftssatire „Heil“ tragen in „Weitermachen Sanssouci“ alle Figuren gleichermaßen zum Irrsinn bei. Phoebe startet ohne sonderlichen Elan in den Job, ihr Kollegium hat größtenteils längst die Segel gestrichen. Es geht nicht mehr um den Inhalt von Studien, sondern um die richtige Bindung des Manuskripts. Die teuer eingekaufte VR-Technik im Simulationsraum fällt ständig aus und wurde längst vom Sortiment der Elektronikmärkte eingeholt. Auch die Studentenschaft wirkt eher planlos. Referate hält man besonders mies und die Sitzblockade vor der Bibliothek verpufft als gut gemeintes Engagement. Die mit Spielfreude auftretende Sophie Rois kommentiert die desaströse Lage regelmäßig in einem Voice Over.
 
Max Linz durchzieht die Farce mit absurden Situationen. Ihm schwebt keine sachliche Abhandlung vor, sondern eine satirische Überspitzung der wirtschaftlichen Zwänge, in denen Forschung und Lehre stecken. Die spielerisch wie Überraschungsei-Figuren benannten Charaktere sind Karikaturen, was in der betont gestellten Positionierung der Personen im Bild und den theaterhaften Akademikerdialogen widerhallt. Am Ende geht alles weiter wie gehabt, die Figuren sind sich einig, dass kein Anlass zur Sorge besteht. Hauptsache, die Zahlen stimmen.
 
Christian Horn