Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris

Im November 2009 startete in den Kinos ein kleiner, sehr persönlicher Dokumentarfilm, der auch ein Licht auf die aktuellen Debatte um Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen wirft. In der Dokumentation WENN EINER VON UNS STIRBT, GEH’ ICH NACH PARIS macht sich Regisseur Jan Schmitt auf die Suche nach den Umständen, die seine Mutter dazu brachten, sich mit 53 Jahren das Leben zu nehmen. Seine Recherche führt ihn tief in die Geschichte der eigenen Familie und in ein kompliziertes Geflecht aus Missbrauch, Religion und Verdrängung.

Webseite: www.filmkinotext.de

Deutschland 2009
Regie + Buch: Jan Schmitt
Kamera: Axel Gehrke
Schnitt: Ania Harre
Musik: Guido Solarek
Länge: 80 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 19. November 2009
 

PRESSESTIMMEN:

Ich bin tief bewegt von diesem Werk, …es ist eine Demontage bürgerlicher Existenz und damit zugleich ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte.
Knut Elstermann, RBB

Der Film zeigt auf schmerzhaft eindrucksvolle Weise, wie verheerend die seelischen Verletzungen solcher Taten sind.
Wilfried Hippen, taz

Eine Spurensuche, die die Odyssee eines Missbrauchsopfer zeigt und die Linie eines unbewältigten Traumas, das auch die Nachkommen prägt.
Eva-Maria Magel, FAZ

FILMKRITIK:

Elf Jahre, nachdem seine Mutter sich das Leben nahm, begibt sich der Dokumentarfilmer Jan Schmitt auf die Suche nach den Ursachen ihrer Verzweiflung. Er konsultiert ihre Briefe und Tagebücher, interviewt ihre Schwestern, Freundinnen, Nachbarn und eine gute Kollegin und besucht Orte ihres Lebens. Schicht um Schicht erschließen sich ihm dabei immer weitere Ebenen von Missbrauch, Lieblosigkeit, Schweigen und Religion, die seine Mutter ihr Leben lang zu ersticken drohten, und vor denen sie schließlich kapitulierte.

Schmitt geht sehr vorsichtig vor. Aus Versatzstücken ihres Tagebuchs und Erinnerungen der Geschwister entwirft er ein zunächst ein näherungshaftes Bild seiner Mutter als junges Mädchen. Die Todessehnsucht war schon damals vorhanden: bereits als Kind hat Mechthild mit ihren Puppen Beerdigung gespielt und in einem frühen Tagebuch fantasiert sie von einer tödlichen Gasexplosion bei der sie und ihre Eltern ums Leben kommen. Aber es gibt noch weitere Ungereimtheiten. Warum muss Mechthild mit 16 in ein katholisches Erziehungsheim? Und was geschah mit dem kleinen Bruder, der Jahre in der Psychiatrie verbracht hat?

Schmitt folgt, zartfühlend und beharrlich, den Ungereimtheiten in den seltsam unvollständigen Geschichten über seine Mutter. Antworten findet er vor allem in ihren Tagebüchern und in den Erzählungen enger Freundinnen, denen sie vertraut hat. Die Missbrauchserfahrungen, auf die er dabei stößt und in die auch ein schnittiger Jesuitenpater verwickelt ist, sind erschütternd. Fast noch schlimmer wiegt allerdings das Schweigen, das in der Familie herrschte und immer noch herrscht. Beide Schwestern – die eine sanft und betrübt, die andere rigoros religiös – schütteln nur verständnislos den Kopf und stellen vage Vermutungen an: Vielleicht war das komplizierte Wesen der Mutter einfach zu viel für das jüngste Kind. Die Eltern haben sich doch bemüht. Es war nicht leicht für sie mit vier Kindern. Niemand kann wissen, was in einer Ehe vorgeht …

Schmitts Film dokumentiert dabei auch, wie groß der Anteil der katholischen Kirche, die das Familienleben und die Institutionen von Mechthilds Kindheit prägt, an der Vernebelung der Vergangenheit ist. Das geht bis zu aktiver Vertuschung aber es nimmt seinen Anfang in der duldsamen Haltung, die Mechthilds Schwester Elisabeth vorwurfsvoll zum Ausdruck bringt: „ Wir hatten eine innere Einstellung mitbekommen, die Dinge anders zu sehen als viele andere, nämlich im Glauben. Nicht so liberal zu sein, sondern den Willen Gottes zu tun, aus Liebe. Nicht weil ich das muss, sondern weil ich es will und für richtig erkannt habe.“

WENN EINER VON UNS STIRBT ist ein sehr berührender Film geworden; ein zärtlicher Film mit zurückhaltenden Bildern, der versucht, das Leiden der Mutter zu verstehen, aber zugleich vor allzu groben Erklärungen zurückschreckt. Ihre Sehnsucht nach dem Tod bleibt bis zum Schluss auch Geheimnis, ebenso wie ihre Sehnsucht nach einem Leben weit weg von allem. Symbolisiert wird das eine von Böcklins hypnotischem Gemälde „Die Toteninsel“, das andere von einem Scherz, den Mechthild und ihr geliebter zweiter Ehemann miteinander teilten: „Wenn einer von uns stirbt, geh ich nach Paris.“

Hendrike Bake

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