Wer hat Angst vor Sibylle Berg?

„Designerin des Schreckens“, „Die erbarmungsloseste Schriftstellerin“, „Die Fachfrau fürs Zynische“ – all das sind Beispiele dafür, wie die Schriftstellerin Sibylle Berg schon in den Medien bezeichnet wurde. Berg gehört zu den meistgelesenen aber auch zu den streitbarsten und provokantesten deutschen Autorinnen. Die verblüffend ehrliche, erhellende Doku „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ spürt dem bewegten und ereignisreichen Leben der Sibylle Berg nach. Es gelingt ihr, hinter die Fassade der Bestseller-Autorin zu blicken, die sich vom Filmteam in den verschiedensten Situationen begleiten lässt. Entstanden ist das ehrliche Porträt einer geistreichen Frau, die sich nicht verbiegen lässt.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2015
Regie: Wiltrud Baier und Sigrun Köhler
Drehbuch: Wiltrud Baier und Sigrun Köhler
Darsteller: Sibylle Berg, James Goldstein, Jonathan Pylypchuk
Olli Schulz, Helene Hegemann, Katja Riemann
Länge: 84 Minuten
Verleih: Zorro
Kinostart: 28. April 2016
 

FILMKRITIK:

Sie gehört zu den meistgelesenen deutschen Autorinnen: Sibylle Berg. Ihre Kolumnen und Essays in Zeitungen und Zeitschriften ebenso wie ihre Tweets beim Kurznachrichtendienst Twitter werden von Hunderttausenden gelesen. Das gleiche gilt für ihre Bücher, die eine treue Fangemeinde haben. Schon ihr Erstlings-Roman  „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ von 1997 verkaufte sich über 100 000 Mal. Berg, die im Laufe ihres Lebens von der ostdeutschen Puppenspielerin zum DDR-Flüchtling und schließlich zur Bestseller-Autorin wurde, versteht es aber auch zu provozieren und zu schockieren. Ihre Äußerungen rufen oft ein geteiltes Echo hervor. Mit „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ versuchen die beiden Regisseurinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, den Menschen hinter der erfolgreichen Buch-Autorin sichtbar zu machen und ihr Wesen zu ergründen.

Als „Böller und Brot“ arbeiten die beiden Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier bereits seit 2000 gemeinsam an Dokus und Kurzfilmen. Ihr bisher bekanntestes Werk ist die abendfüllende Doku „Alarm am Hauptbahnhof“ über den Streit um „Stuttgart 21“, die 2012 mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ ist ihr sechster Film. Ihr Film entstand Anfang 2013 im  Rahmen von Bergs eigener Theaterinszenierung "Angst reist mit" am Staatstheater in Stuttgart.

So unterschiedliche Stationen der Film mit seiner Porträtierten durchläuft und so verschieden die Situationen sind, in denen er Berg zeigt – eines ist immer offensichtlich und wird zu jeder Zeit deutlich: Sibylle Berg ist authentisch, sie sagt was sie denkt und schafft es, mit ihren bissigen, zumeist hintersinnigen Kommentaren und Statements gleichermaßen zu amüsieren und zu informieren. Denn in den Gesprächen mit der aus Weimar stammenden Sibylle Berg lernt man viel. Etwa darüber, dass in der DDR wert darauf gelegt wurde, den jungen Menschen „nützliche Dinge“ wie Eistauchen oder das Tauchen bei Nacht beizubringen. Oder man lernt, worin die Vorzüge des Berufs der Ausdruckstänzerin liegen, wie Pilze die Gehirne von Politikern steuern oder was es braucht, um mit den immer gleichen, trivialen Liebes-Romanen in den USA  zur Multimillionärin zu werden.

Berg hat in ihrem Leben viel mitgemacht und ihre spannenden Lebensstationen teilt sie glücklicherweise mit Baier und Köhler – und damit auch mit dem Zuschauer. Nach der Schule ließ sie sich zur Puppenspielerin ausbilden, siedelte mit 22 in die BRD über, besuchte dann eine Clown-Schule. Einige Zeit später zog sie nach Hamburg und fand schließlich zu ihrer großen Liebe: dem Schreiben. Sie schrieb und schreibt für die Zeit, SpiegelOnline oder die Neue Züricher Zeitung. 1997 erschien ihr Debütroman, der ein Riesenerfolg wurde. Bis es so weit war, hatte Berg es aber nicht immer leicht. Auch darüber spricht sie ganz offen und ohne falsche Scheu. Etwa über den Suizid ihrer Mutter oder wie sie sich als Gärtnerin, Putzfrau oder Sekretärin durchschlug.

„Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ zeichnet sich durch eine intime Nähe zur Porträtierten aus, die z.B. in ihrer Wohnung beim Schreiben beobachtet wird, bei der Wohnungssuche, bei langen und ausgiebigen Spaziergängen in der Natur oder beim Plausch mit ihren Freunden, zu denen immer wieder auch prominente Gesichter gehören. So sind im Film z.B. die Schauspielerin Katja Riemann und die Autorin Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) zu sehen, die ihre Sicht auf das Wesen und die Persönlichkeit der Sibylle Berg auf heitere Art und Weise darlegen.

Am gelungensten ist aber die Tatsache, dass sich die Hauptperson zu jeder Zeit so gibt, wie sie einfach zu sein scheint und wie sie immer wieder in ihren Texten durchschimmert: streitbar und kontrovers, aber mindestens ebenso intelligent, geistreich und ehrlich. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie die Filmemacherinnen als „Doku-Schlampen“ oder ein umherfliegendes, drohnenartiges Fluggerät als Arschloch und „kleines Scheißerchen“ bezeichnet.

Björn Schneider