Wer ist Thomas Müller?

Auf die Suche nach dem Durchschnittsdeutschen begibt sich Regisseur Christian Heynen in seiner Dokumentation „Wer ist Thomas Müller?“ und fördert dabei ein buntes Bild der Republik zu Tage. Sehr männlich ist sein Blick auf Deutschland zwar geprägt, aber auch so gelingen ihm interessante Einblicke in das deutsche Wesen.

Webseite: www.wer-ist-thomas-mueller.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie, Buch: Christian Heynen
Länge: 87 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 20. März 2014

FILMKRITIK:

Jeder Fußballfan denkt bei der Frage „Wer ist Thomas Müller?“ natürlich an den Spieler des FC Bayern München, doch neben diesem Thomas Müller gibt es in Deutschland noch über 50.000 andere Menschen, die den häufigsten deutschen Namen tragen, der daher auch vom Bundesamt für Statistik als Synonym für den Durchschnittsdeutschen geführt wird.

Statistisch gesehen ist dieser Durchschnittsdeutsche 1,78 m groß, wiegt 83,4 kg, ist 43 Jahre alt, blond und verheiratet, wohnt auf 87m², besitzt 21 Hemden und verdient exakt 3500 € brutto. Und was sagen diese Zahlen am Ende über den Deutschen aus? Herzlich wenig, wie Christian Heynen bei seiner Reise durch die Republik feststellte, die ihn in lose assoziativer Form zu diversen Thomas Müllers geführt hat.

Den Anfang macht ein Banker, dann kommt ein Pfarrer zu Wort, ein Soldat in Afghanistan (wo das Pseudonym Thomas Müller aus Gründen der Geheimhaltung gleich allen Soldaten verpasst wird), ein Harz IV-Empfänger und schließlich natürlich auch der Fußballer Thomas Müller. Bei den kurzen Gesprächen mit den Müllers geht es Heynen dabei weniger um diese Personen im Speziellen, sondern darum, wie sie dem Durchschnittsdeutschen ähneln und damit zumindest Teile der deutschen Mentalität verkörpern.

Um dieser Frage noch genauer auf den Grund zu gehen, hat er per Internet Menschen aus aller Welt gefragt, was sie denn von den Deutschen halten, was ihnen als Erstes in den Sinn kommt, wenn sie an Deutschland und seine Mentalität denken. Viel Erwartbares hört man da, von Spießigkeit, über Pünktlichkeit, die Freude am Biertrinken und ähnliche Klischees und Stereotype, die oft nicht so ganz aus der Luft gegriffen sind.

Genau entspricht zwar niemand diesem Bild, auch keiner der hier auftauchenden Thomas Müllers, aber gewisse Teile der typisch deutschen Mentalität tragen sie alle in sich. Wie nah und gleichzeitig fern Statistik und Realität sein können, wird besonders schön in einem Moment deutlich, in dem Heynen nach dem Sohn des Durchschnitts-Deutschen sucht: Jan Müller. In einer großen Werbeagentur findet er ein prototypisches Jugendzimmer dieses Jan Müllers, dass zur Veranschaulichung exakt so eingerichtet ist, wie es der Durchschnittsjugendliche laut Statistik gern hat. Und als Heynen zum Vergleich dann in das reale Jugendzimmer eines realen Jan Müllers fährt, da ist die Ähnlichkeit tatsächlich verblüffend. Doch während die groben Details – die Möbel, die bunten Wände, Computer und Spielkonsole – übereinstimmen, offenbaren sich bei genauerem Hinsehen zahlreiche Unterschiede im Detail.

Und das ist dann letztlich die Essenz der langen Reise zum typischen Deutschen, die Christian Heynen in „Wer ist Thomas Müller?“ unternimmt: So richtig auf den Punkt zu bringen ist sie nicht, die deutsche Mentalität. Dass ist zwar nicht unbedingt eine überraschende Erkenntnis, die hier aber sehr unterhaltsam und mit vielen interessanten Informationen präsentiert wird.
 
Michael Meyns