Where Is Rocky II?

Schnitzeljagd und Kunstsatire – auf jeden Fall unterhaltsam und sehr witzig! Pierre Bismuth hat ein angenehm schräges Werk geschaffen, das er selbst als „Fake Fiction“ bezeichnet. Es geht um die Suche nach Rocky II, einen künstlichen Felsen, der irgendwo mitten in der Wüste zwischen anderen Steinen stehen soll. Es wird fröhlich aus der Filmgeschichte zitiert, formal und inhaltlich gibt es viel zu bestaunen und zu belächeln, darüber läuft eine herrlich altmodisch orchestrierte Krimimusik. Und wenn am Ende aus der Story ein Kinofilm geworden ist, zu dem der Trailer läuft, dann gibt es zur Kunstsatire auch noch ein bisschen Hollywood-Bashing. Alles in allem eine ebenso anspruchsvolle wie originelle kleine Komödie um den Medien- und Kunstbetrieb.

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USA 2016
Regie und Drehbuch: Pierre Bismuth
Darsteller: Robert Knepper, Milo Ventimiglia, Pierre Bismuth, Michael Scott
Musik: Hugo Lippens
93 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 20. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

Wer es bisher noch nicht wusste: Hollywood ist nicht nur eine Stadt, sondern auch ein Tätigkeitswort. „You can hollywood everything!“ Das verrät ein Zitat des Künstlers Ed Ruscha zu Beginn des Films. Und so wird hier gehollywoodet, dass es nur so kracht. Zuerst der Plot: Es geht um einen klassischen MacGuffin. Das ist ein Gegenstand oder eine Person, an sich vollkommen unwichtig, aber Auslöser für die Story. Hier ist das ein künstlicher Felsen, den Ed Ruscha vielleicht irgendwann mal gebaut hat. Pierre Bismuth nimmt sich vor, den Felsen zu finden, der in keinem Werkverzeichnis auftaucht. Dazu besucht er eine ganze Reihe von Bekannten des Künstlers einschließlich Galeristen und Museumsleitungen – niemand hat je etwas von diesem Kunstfelsen gehört. Erst als Pierre den ziemlich hart gesottenen Privatdetektiv Michael Scott engagiert, nimmt die Suche Fahrt auf. Ein paar Details kommen heraus – wahrscheinlich hat Ed Ruscha den Felsen für Filmdreharbeiten gebaut und ihn passenderweise als Stein unter Steinen in einer Steinwüste versteckt. Zwei Drehbuchautoren werden ebenfalls auf die Story angesetzt und entwickeln Ideen dazu, denn eines ist klar: Pierre Bismuth muss aus dieser Geschichte einen richtig großen Hollywoodfilm machen …
 
Alles ist dabei, von der Schatzkarte über die Reise auf der Landkarte bis zu Stoptrick, Zeitlupe und Zeitraffer. Pierre Bismuth wechselt zwischen durchgestylten Dokumentarbildern, Szenen aus dem geplanten Spielfilm und wechselt dabei munter die Erzählformen. Das ist dann manchmal etwas unübersichtlich, aber sehr unterhaltsam. Mit der Zeit wird das Konzept deutlich, denn Pierre Bismuths lustiges Puzzlespiel verfolgt tatsächlich einen tieferen Sinn. Es geht um Kunst und den Kunstbetrieb inklusive Film, um die Stecknadel im Heuhaufen, das Sandkorn am Strand, den Felsen zwischen den Felsen. Was ist wahr, was ist echt? Und wie kann man es erkennen?
 
Die grundsätzliche Frage lautet: Ist Kunst auch Kunst, wenn sie nicht sichtbar ist? Diese Analogie zu dem klassischen subjektiven Paradoxon: „Gibt es ein Geräusch, wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner da ist, um es hören?“, zeigt in etwa den Ansatz von Pierre Bismuth. Die an sich unlösbare Frage, was eigentlich Kunst ist, verfolgt Pierre Bismuth, unter anderem oscarprämierter Drehbuchautor von „Vergiss mein nicht“ („Eternal Sunshine of the Spotless Mind“) mit viel Sinn für Humor, Spannung und vor allem mit einem hohen Maß an Intelligenz.
Bei aller überbordender Fantasie fehlt eigentlich nur noch diese Idee: Bismuth hätte statt des Privatdetektivs auch ein paar Hundert glücklose Hollywoodschauspieler anheuern können, die mit einem Hämmerchen alle Felsen abklopfen, um den einen aus Kunststoff zu finden. Und wenn er deutsche Darsteller ausgewählt hätte, wäre es noch günstiger geworden. Denn die hätten vermutlich sogar ohne Gage gearbeitet. – Vielleicht ein Tipp fürs Sequel?
 
Gaby Sikorski