Where to invade next

In seinem neuen Film stellt sich „Bowling For Columbine“- und „Fahrenheit 9/11“-Regisseur Michael Moore die Frage, was die USA von anderen Ländern lernen, welche Errungenschaften die mächtigste Nation auf Erden übernehmen könnte. Über weite Strecken bleibt er dabei seiner bekannten polemischen Art treu, ist alles andere als objektiv und zeigt ein Europa, das für einen Europäer kaum wiederzuerkennen ist. Aber immerhin: die Dokumentation steht auf der Shortlist für die Oscars, die 2016 verliehen werden.

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USA 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Michael Moore
Länge: 110 Minuten
Verleih: Falcom Media
Kinostart: 25. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Man kann Michael Moore eine ganze Menge vorwerfen, aber gewiss nicht, dass er objektiv ist. Auch sein neuer Film "Where to Invade Next" ist zum Teil eine absurd anmutende Phantasie, in der sich Moore die Welt so zurechtbiegt, wie es in seine Argumentation passt. Das ist besonders deswegen schade, da er andererseits mit seinem beißenden Angriff auf die Zustände im amerikanischen Sozialsystem, in den Gefängnissen und selbst den Schulkantinen wichtige Problemfelder anschneidet und ein brennendes Plädoyer für eine gerechtere, bessere Welt abliefert. Doch um dies zu erreichen greift er oft zu seinen durch Filme wie "Bowling for Columbine" oder "Fahrenheit 9/11" bekannten, fragwürdigen, manipulativen Methoden zurück.

Der Ansatz seines Films ist einfach: Mit einer amerikanischen Fahne in der Hand reist Moore durch Europa (und Tunesien) und "erobert" symbolischerweise Länder, die auf die ein oder andere Weise besser funktionieren als die USA. Das er sich dabei die Rosinen rauspickt, die Länder auf jeweils eine Errungenschaft reduziert, die selbstverständlich auch existierenden Missstände jedoch komplett unter den Tisch fallen lässt, macht seinen Blick auf Europa so einseitig. Auf seiner ersten Station besucht er etwa ein italienisches Paar und ist sprachlos, angesichts der wochenlangen Ferien, die angeblich jeder italienische Arbeitnehmer hat. In Frankreich wiederum ist er begeistert vom mehrgängigen Kantinenessen in einer Grundschule, das dem notorisch fettreichen Essen in amerikanischen Schulen gegenübergestellt wird.

Schon hier ist das Konzept deutlich: Missstände in Amerika werden mit den Errungenschaften Europas verglichen, was "Where to Invade Next" über weite Strecken zu einem Film macht, der vor allem für amerikanische Bürger interessant erscheint. Wobei man sich bisweilen fragt, für wie dumm Moore seine Landsleute hält, wenn er ihnen eine derart verklärte, simplifizierte Version der europäischen Sozialsysteme als leuchtendes Beispiel vorhält.

Diese polemische Argumentation ist umso bedauerlicher, als Moore im Verlauf seines Films zu einer immer beißenderen und auch überzeugenden Anklage der Zustände Amerikas findet. Wenn er etwa die Zustände in den Gefängnissen beschreibt, in denen die Gefangenen oft wie Tiere behandelt werden, misshandelt und unter unmenschlichen Bedingungen vor sich hin vegetieren, ist der Vergleich zum europäischen System, das weniger auf Strafe als auf Resozialisierung basiert, frappierend. Auch wenn er in Portugal einen Sozialarbeiter besucht, der die Vorzüge der kompletten Straffreiheit von Drogenkonsum jeglicher Art beschreibt, die in Portugal sogar zu einem Rückgang des Konsums geführt hat, kann man sich Moores Argumentation kaum verschließen.

Ohne Frage ist Michael Moore ein Patriot, der mit seinen Filmen auf Missstände in Amerika aufmerksam machen will. Das er dabei oft fragwürdige, polemische Methoden benutzt, macht es immer wieder schwierig, seine Filme uneingeschränkt zu unterstützen, selbst wenn man ihrer Ideologie prinzipiell zustimmt. Dass er in "Where to Invade Next" zudem ein Europa zeigt, das in dieser Form nicht existiert, macht seinen jüngsten Film trotz mancher Qualitäten besonders schwierig. Ein Film, der zwar wichtige Themen behandelt, aber angesichts seiner Machart nur mit einiger Skepsis zu goutieren ist.
 
Michael Meyns