White Boy Rick

Zwischen den Fronten: In „White Boy Rick“ entblättert Filmemacher Yann Demange („’71: Hinter feindlichen Linien“) die Erfahrungen von Richard „Rick“ Wershe Junior. Einem Teenager, der Mitte der achtziger Jahre mit einer Gruppe von Drogendealern in Berührung kam und schließlich vom FBI als Informant rekrutiert wurde. Trotz guter Darsteller und einiger stimmungsvoller Szenen bleibt die Aufarbeitung realer Ereignisse etwas unter ihren Möglichkeiten.

Webseite: www.sonypictures.de

USA 2018
Regie: Yann Demange
Darsteller: Richie Merritt, Matthew McConaughey, Bel Powley, Jennifer Jason Leigh, Rory Cochrane, RJ Cyler, Jonathan Majors
Länge: 111 Minuten
Verleih/Vertrieb: Sony Pictures Germany
Kinostart: 07.03.2019

FILMKRITIK:

Hauptschauplatz des Films ist ein Stadtviertel Detroits, das seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. Hoffnungen auf ein Leben ohne Sorgen können sich hier nur die Wenigsten machen. Und doch klammert sich Richard Wershe Senior (Matthew McConaughey) verbissen an einen großen Traum. Noch hält sich der alleinerziehende Vater mehr schlecht als recht mit Waffenverkäufen auf dem Schwarzmarkt über Wasser. Irgendwann will der kämpferische Idealist allerdings eine eigene Videothek eröffnen. Während seine Tochter Dawn (Bel Powley) in einer Suchtspirale feststeckt, greift ihm sein Sohn Richard „Rick“ Junior (Richie Merritt) bei der zweifelhaften Arbeit unter die Arme. Eines Tages knüpft der Teenager Kontakte in die lokale Drogenszene, was die beiden FBI-Ermittler Snyder (Jennifer Jason Leigh) und Byrd (Rory Cochrane) auf den Plan ruft. Eingeschüchtert von ihren Drohungen, lässt sich Rick als Undercover-Informant gewinnen und begibt sich damit auf gefährlich dünnes Eis.
 
Demanges zweiter Spielfilm erzählt eine aufwühlende und spannende Geschichte aus dem wahren Leben, verhebt sich aber ein wenig an seinem Material. „White Boy Rick“ möchte Milieustudie, Familiendrama und Kriminalthriller in Einem sein. Dramaturgisch überzeugend verbinden können Regie und Drehbuch (verantwortlich: Andy Weiss, Logan und Noah Miller) die unterschiedlichen Puzzlestücke jedoch nur bedingt. Dawns Drogenprobleme beispielsweise sind leider bloß ein Randaspekt, der mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte. Gerade vor dem Hintergrund von Ricks Verwicklung in den Rauschgifthandel nutzen die Macher hier das Potenzial für schmerzhaft-emotionale Momente nicht in vollem Umfang aus.
 
Neben der eher klischeehaften Darstellung der afroamerikanischen Drogendealer fällt negativ auf, dass die zweite Hälfte in zu kurzer Zeit zu viele Ereignisse aneinanderreiht und sich damit einer größeren Wucht beraubt. Die gegen Ende durchscheinende Kritik an Justiz und Ermittlungsbehörden wirkt zudem etwas kurz gegriffen. Auch an dieser Stelle wäre es nicht verkehrt gewesen, stärker in die Tiefe zu gehen.
 
Abfedern kann Demange die inhaltlichen Schwächen vor allem dank atmosphärischer Bilder und eindringlicher Schauspielleistungen. Die Tristesse, die in Ricks Umgebung vorherrscht, tropft aus nahezu jeder Einstellung. Ausgeblichene Farben beschwören nicht nur einen Achtziger-Jahre-Kino-Look, sondern dienen auch als Marker für die vom Titelhelden erlebte Perspektivlosigkeit. Das Gangstertum scheint fast so etwas wie der einzige Ausweg, die Absprungrampe in eine schillernd-verführerische Welt, wie sie sich besonders in einer feierwütigen Las-Vegas-Sequenz auftut.
 
Oscar-Preisträger Matthew McConaughey (ausgezeichnet für seine Darbietung in „Dallas Buyers Club“) verkörpert den schlitzohrigen, zuweilen überforderten Vater mit der nötigen Inbrunst und wirft ein recht komplexes Charakterporträt an die Wand. Als labile, drogensüchtige Tochter beweist Bel Powley, obwohl sie nur in wenigen Szenen zu sehen ist, einmal mehr ihre enorme Ausdruckkraft. Ohne Richie Merritt wäre der der Film allerdings nur halb so wirkungsvoll. Beeindruckend ist es allemal, wie der Leinwandnewcomer in den Vater-Sohn-Konfrontationen auftrumpft und die Sehnsucht Ricks nach einem besseren Leben, aber auch seine Faszination für das kriminelle Milieu in den Kinosaal transportiert. Von diesem Jungdarsteller dürfte man in Zukunft noch einiges hören.

Christopher Diekhaus